Katzenfrau.de Kurzgeschichten und Märchen

Letztes Jahr habe ich die Geburtstagskarte zu Ulrikes Geburtstag selbst gemacht. Ich hatte eine Grafik mit dreißig kleinen Ferkeln gefunden, die sich an den Pfötchen hielten und eine “30” bildeten und schrieb dazu:

Nun bist Du 30, armes Schwein,
doch damit stehst Du nicht allein.
All die kleinen Schweinchen dort,
die geben Dir ihr Ehrenwort
Zu alt für alle Ferkeleien
wirst Du lange noch nicht sein!
Zwar ist es dennoch leider wahr,
es kommen Falten, graues Haar.
Die Reife holt das Altern ein,
erwachsen solltest Du jetzt sein.
Schneller rundet sich der Bauch
und für den Hintern gilt das auch.
Anderes gibt dafür nach und hängt,
besser ist’s, man nicht dran denkt!
Mit frohem Mute alles Gute…
denke ich an Dich und sage herzlich:
“Nimm’s nicht so schmerzlich!”

30. Geburtstag


Zugegeben, das ist nicht gerade große Dichterkunst. Aber mußte Peter deswegen so schmerzlich die Stirn runzeln und leise stöhnen?

“Der Lack ist ab, irgendwie war man in den Zwanzigern doch irgendwie….” war das letzte, was ich hörte, bevor er seinen 32jährigen Körper aus der Tür schob. Jetzt war ich dran, die Stirn zu runzeln. Neunundzwanzig oder dreißig, wie groß konnte der Unterschied schon sein? Wichtig ist doch, dass man die Person mag, die einem morgens im Spiegel entgegenlächelt. “Und warum”, fragte Peters Freundin Silke finster, “findest Du das dämliche Gedicht dann so witzig?”

Silke ist 31.

Nun hätte ich natürlich argumentieren können, dass ich nicht die einzige Person war, die das Gedicht witzig fand. Mal überlegen: Einige hatten gegrinst - die waren unter 30. Einige hatten laut gelacht. Die waren über 40. Und die anderen hatten äußerst ungnädig reagiert - die waren knapp über 30 oder wurden gerade dreißig. Flüchtige Nachforschungen im Bekanntenkreis ergaben eine äußerst ungesunde Mischung aus Torschlusspanik, laut tickender biologischer Uhr, hysterischem Fitnesstraining und einer Art trotziger Verweigerung des Alterns.

Eine Dame, die nicht genannt werden will, erläuterte “Das ist schon ein komisches Gefühl, wenn einem vorne die 2 weggenommen wird. Man ist kein Twen mehr und dann denkt man über viele Dinge nach, die man nicht oder noch nicht gemacht hat und macht sich auch Sorgen wegen des Alterungsprozesses….”

Also, bei mir war das nicht so. Ich fand es OK, endlich älter als 25 zu sein, beruflich für voll genommen zu werden und ein selbständiges Leben zu leben, mich ständig weiterzuentwickeln. Auch, als ich 29 wurde.

Deswegen kam ich nicht ins Grübeln - eigentlich habe ich nur angefangen darüber nachzudenken, ob ich über dieselben Dinge nachdenken müsste wie die anderen und ob es mich zu einem exotischen Wesen macht, dass ich eben nicht das Gefühl habe: “Da schließt sich mit dramatischem Knarzen eine Tür zu einem vergangenen Lebensabschnitt.”

Dabei denke ich über so was doch gar nicht nach, es ist erst höchstens zwei Jahre her, dass man mich in meiner Firma noch mit den Schülerpraktikantinnen verwechselte. Jetzt ist es noch genau ein Monat bis zu meinem dreißigsten Geburtstag, den ich genauso grässlich finde wie alle anderen Tage, an denen man in spontane Festlichkeiten ausbrechen soll.

Bloß kann ich das diesmal nicht sagen - denn wenn ich mich äußern würde, dass ich meinen Geburtstag nicht mag, dann würden sich alle wissend ansehen und vermuten, dass die große 30 mir im Magen liegt!

Tut es aber nicht. Stop, jedenfalls nicht bis heute morgen. Da war die jährliche Routine-Krebsuntersuchung beim Frauenarzt. Natürlich war ich pünktlich, und natürlich musste ich trotzdem eine Stunde warten. In dem brühwarmen Wartezimmer saß ich eingekesselt von schwangeren Frauen, die alle sehr bleich aussahen und jederzeit schon durch die Hitze Wehen hätten kriegen können, wie ich fürchtete.

Ungefähr ein Dutzend zwei- bis dreijährige blonde kleine Mädchen in hellblauen Kleidchen (Spitze, Samt, Jeans, Baumwolle, egal was, aber alle hellblau) rannten niedlich und in diesen grässlichen wollweißen Kinderstrumpfhosen umher und stupsten ihre schwangeren Mütter mit ökologisch wertvollen Stoffspielzeugen an. Jessica, Angela, Laura-Marie, Raffaela, Samantha, Melissa, Sarah, Julia, Rebecca…. mir schwirrte bald der Kopf von diesen piepsenden Gestalten, die wahlweise an einem Mürbchen oder Vollkornbrötchen kauten, mit weit aufgerissenen Augen vor mir standen und erklärten: “Mama hat ein Brüderchen für mich bestellt! Hast Du Kinder?”

Die Aussage, dass ich was viel besseres hätte, nämlich Katzen, brachte mir bitterböse Blicke und ein vereinzeltes Grinsen von den ballonartigen Damen um mich herum ein. “Mutti, ich will auch eine Katze!” Die reden auch nicht soviel, setzte ich in Gedanken hinzu. Die Strafe folgte auf dem Fuße. Mein Frauenarzt erklärte mir, für eine Frau in meinem Alter sei alles in allerbester Ordnung. Als ich etwas zögerlich nachfragte, was denn diese dämliche Bemerkung mit dem Alter solle - das habe ich wörtlich gefragt - und das Kinderkriegen mit Anfang 40 sei ja angeblich auch nicht unmöglich, lehnte er sich genüsslich zurück und fing an zu rhabarbern.

Über die stetig kleiner werdenden Chancen auf eine Schwangerschaft nach DREISSIG, über die weniger und schlechtere Eizellen produzierenden Eierstöcke von Frauen, die älter waren als DREISSIG, über die erhöhte Gefahr von krebsartigen Erkrankungen der weiblichen Organe im Alter von DREISSIG plus und ...

Es macht mir keine Freude, es zu wiederholen, also lasse ich es. Also gut: Kapitulation. Wenn es denn irgendjemanden dort oben glücklich macht, so verspreche ich, mit hängenden Schultern durch die Weltgeschichte zu stolpern, tiefe Falten noch vor meinem Geburtstag nächsten Monat zu bekommen und mich nicht mehr zu trauen, lüsterne Blicke auf 25jährige (oder gar jüngere) Jünglinge zu werfen. Gleich heute Nachmittag werde ich meine Garderobe auf Mittelalter umstellen und mich nach einem Seniorenkränzchen im Internet erkundigen.

Jeden Abend werde ich hundertmal auf einen Zettel schreiben “Ich habe nicht vergessen, dass ich mit 20 Jahren fand, 30 sei sehr alt” und morgens werde ich Sauerkrautsaft trinken und Wechselbäder nehmen.

Und wenn ich das alles vielleicht doch nicht schaffe, so werde ich dafür sorgen, dass Ihr es nicht erfahrt. Denn es ist immerhin schon über zwei Jahre her, dass mich jemand mit den Schülerpraktikantinnen verwechselte. Irgendwas sagt mir, das wird nie wieder geschehen.

Juni 1996 - ein Monat bis zum GAU.

P.S. Belustigt stellte ich fest, daß sich etwa fünf große Frauenzeitschriften an mir orientiert haben und im Juli Artikel über “Die große Lebenskrise um die 30” brachten.


Frauen und andere Katzen
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