Katzenfrau.de Kurzgeschichten und Märchen

Südamerika fühlte sich frei für mich an, großartig und grenzenlos. Alleine unterwegs. Tiefer, warmer Sonnenpuls. Brasilien ist wunderbar. Sogar eine ganz profane Abkühlung unter der Dusche wurde durch die vibrierende Luft ‘draußen’ zu einem ekstatischen Erlebnis, von dem ich nach den weißglühenden Tagen nie genug bekommen konnte, weder am Pool noch am Strand noch bei einem Stopp in einem Hotel. Sonne, Wasser, Freiheit.

Dann der Unfall. Eben noch hatte ich unter dem Wasserstrahl gestanden und die Erfrischung nach dem Abendspaziergang am brasilianischen Strand genossen. Trat dann einen Schritt zurück, um nach einem Handtuch zu greifen. Um eine Winzigkeit musste ich mich verschätzt haben, denn ich stieß mit dem Fuß gegen die Wand und rutschte seitlich weg, mit einem Fuß unter der ungeschützten Stahlkante der Badezimmertür durch. Nicht nur ungeschützt, sondern so scharf geschliffen, dass sie mir den Fuß leicht der Länge nach spaltete.

Erst habe ich den kleinen Schnitt nur angesehen und dachte So weiß ist mein Fleisch von innen? Dann schoss das Blut durch den frischen Kanal in meiner Haut und automatisch stellte ich den Fuß in den Strahl der Dusche. Instinktiv, um das Blut fortzuwaschen. Ein stechender Schmerz bestrafte mich, warf mich rückwärts gegen die Wand und ich schnappte nach Luft und dann ein Handtuch, um den Fuß einzuwickeln,  hochzulegen und eine Weile zu warten, bis die Blutung schwächer wurde. Kleine dunkelrote Fußtapfen auf dem weißen Marmor, jeder eine kostbar schillernde Pfütze. Ich setzte mich aufs Bett und war plötzlich ganz unglaublich froh, dass der nächste der letzte Reisetag war.

Dann kam die Angst, wie ein fester Griff um mein Herz. Ich hatte sogar das Gefühl, es sei dunkler im Zimmer geworden und fand mich selber deswegen dumm. Die warme Luft, die ich so genossen hatte, war in wenigen Sekunden zu einer bösartig flirrenden Atmosphäre geworden, die Millionen und Myriaden feindlicher Bakterien, Viren und Keime beherbergte. Ich hatte Angst. Der kleine Schnitt hatte die Tür zu meinem Körper geöffnet. Damit verglichen waren Cocktails mit Eiswürfelns aus einheimischem Wasser und Experimente in ortsansässigen Imbissbuden ein Witz.

Es tat auch irgendwie so weh. Das Zimmermädchen kippte Jod über meinen Fuß und ich gab ihr ein hohes Trinkgeld, weil alles voller blutiger Fußtapfen war. Sie fand den Schnitt nicht so schlimm und ich kam mir wieder albern vor. Alleine mit der Angst. Stehen konnte ich nicht wirklich gut. Pochte und hämmerte es in meinem Fuß oder war ich einfach hysterisch und über-antibakteriell, wie es den Deutschen so gerne nachgesagt wird…? Irgendwie packte ich die Koffer. Die Angst saß auf meiner Schulter und ich war wütend auf mich, weil ich sie nicht loswurde. ‘Hey, Du hast Tetanus, ganz frisch, und auch sonst wird nichts passieren. Übermorgen um die Zeit bist Du zuhause und lachst darüber.”

Langsam verflog die Angst dann. Ich war auch viel zu müde, auch noch am nächsten Morgen nach zehn Stunden unruhigen Schlafs. Und mein Kopf war so warm. Außerdem hatte ich schweres Gepäck und niemand half mir, obwohl sie meinen blutenden Fuß sehen konnten. Hingehen und darum bitten ging nicht, ich wusste selbst nicht warum, irgendwie war mein Kopf so langsam, so schwer, vielleicht konnte ich gar nicht sprechen, ich wusste es nicht genau. Niemand half mir. Ich schleifte mein Bein und meinen Koffer hinter mir her und hinterließ eine kleine Schmierspur auf dem Steinboden des Flughafens in Recife.

War ich das in Lissabon auf dem Flughafen, die dann auf einmal im Rollstuhl zur Flughafenärztin gefahren wurde? Wahrscheinlich. Den Flughafen kannte ich so gut, aber gefahren worden war ich noch nie. Ich hatte keine Angst mehr, nur einen dumpfen Schmerz. Besser als Angst war das, auf alle Fälle. Und komisch war, dann haben sie mir auch alle mit dem Gepäck geholfen und alle sahen irgendwie so seltsam aus, als sei jemand gestorben. Im Flugzeug nach Frankfurt hat man Eis auf meinen Fuß gepackt. Ich hatte eine ganze Sitzreihe für mich allein. Aber keine Angst. Nur einen sehr geschwollenen Fuß, blau und grün und irgendwie fand ich, er sah aus wie eine Requisite aus einem Film mit Wasserleichen. Die Stewardess hat nicht über diesen Scherz gelacht.

Wer hat mich eigentlich abgeholt, so dass ich nicht mit dem Zug weiter musste? Zum Krankenhaus gefahren? So richtig klar ist mir das gar nicht mehr. Ich kannte mich nicht mehr. Alles um mich herum war aus grauer Watte und ich eine Fremde unter Fremden in einer merkwürdig nachhallenden Welt. Aber die Angst, die habe ich wiedererkannt. Direkt als der Arzt sagte “Diesen Fuß müssen wir sofort amputieren”, da war sie wieder bei mir und krallte sich um meinen Hals. Ich sagte nur noch »NEIN« und war auf einmal wieder sehr wach, sehr klar und wusste, wer ich war und was ich nicht wollte. »Dann verlieren Sie auch das Bein«, meinte lakonisch der Arzt, den ich vielleicht verklagt hätte, wenn ich mich nur daran hätte erinnern könnte, wer es war und wie er aussah und warum er mir das antat.

Es ist dann am Ende nicht so weit gekommen, vielleicht auch, weil ich mir durch meinen wütenden Protest Zeit erkämpfte, vielleicht wäre es sowieso nicht geschehen. Im Grunde war der Arzt einfach zu unerfahren, um die lange Flugzeit von Brasilien in die Schwellung mit einzurechnen und ich nicht, weil ich schon oft so lange Strecken geflogen war und wusste, dass es nach einer Nacht schon anders aussehen würde - das wird wohl das ganze Glück gewesen sein, meine starke Gegenwehr dort im Flur mit dem Tropf in der Hand, Zeit schinden. Es ging gut aus. Aber ich hatte lange Zeit Angst vor Krankenhäusern und gehe nicht mehr oft hinein. Ab und zu wache ich auf, weil ich nachsehen muss, ob das Bein noch da ist. Es ist, und erinnert mich beharrlich daran durch jede Infektion, jede Kleinstwunde, jede Venenentzündung und jede Schwellung, die es sich zu diesem Zweck an Land zieht. Manchmal stehe ich zehn Minuten auf das rechte Bein gestützt, nur um zu spüren, dass es keine Phantomschmerzen sind, sondern echte.

Dieses Gefühl der absoluten Hilflosigkeit dort in dem Hotelzimmer in Brasilien und der Moment, als der Arzt meinen Fuß abnehmen wollte, beide werde ich nie vergessen.
»Das war ein einschneidendes Erlebnis’ meinte ein Bekannter und ich sollte dann darüber lachen. Ich diskutierte darüber nicht, das war es mir nicht wert. Es reichte, ihn zurück zu lassen und ihn zu vergessen.

Anderes vergisst man nie. Wenn ich in hellen Nächten die Augen schließe, bin ich wieder in meinem Hotelzimmer in Brasilien und die Luft ist voller Feinde.


Frauen und andere Katzen
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