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Irgendwie waren sie rührend, diese drei kleinen Mädchen, die ihr Kleingeld zählten und eifrig rechneten, wieviele Lutscher man für 80 Pf kaufen konnte. Höchstens fünf Jahre alt war die größte von ihnen, die sehr ernsthaft ihren bezopften Freundinnen erklärte, für das gemeinsame Geld könne man leider nur zwei Lutscher kaufen und die würden sie sich nun teilen müssen.

“Darf ich?” fragte ich die jungen Damen und höflich traten sie zur Seite, damit ich meine Einkäufe auf die Theke legen konnte. “Sieh’ nur, ein Kuchen!” tuschelte die Finanzministerin ihren Verbündeten zu.

Stimmt, es war ein mittelgroßer hübscher runder Butterkuchen mit Mandeln. “Für meinen Besuch”, erklärte ich der staunenden Kleinen im riesigen T-Shirt, deren Daumen fast komplett in ihrem Ohr verschwand. Der Bäcker schmunzelte mir zu. “Reizend, die kleinen Dinger. War’s das?”

Der verschwörerische Blick des gestandenen Mannes nervte mich. Nicht jeder reagiert auf kleine Kinder automatisch mit einem Hausbau- und Kinderkrieg-Reflex. “Ich hätte außerdem noch gerne eine Tüte Lakritzschnecken, die Fernsehzeitung da drüben und….” die drei Minis zählten immer noch die Groschen, als würden sie sich irgendwann von selbst vermehren. “... und drei Lutscher.” Finanzministerin zuckte hoch und flüsterte: “Sie kauft Lutscher!”

Drei offene Münder starrten mich an, einer davon ohne Zähne. Wann ist man eigentlich zu alt für Lutscher? Der Bäcker hatte mich jedenfalls schon richtig verstanden und verteilte drei lilarosapinkfarbene Lutscherkugeln auf die Pygmäen neben mir.

“Danke!” strahlten alle und begannen sofort mit der Diskussion, wieviele kleine grüne Schaumstoff-Frösche mit weißem Wabbelbauch man wohl von achtzig Pfennig kaufen kann.

Sie waren schon recht reizend, diese kleinen Girlies mit Zöpfen. Der Bäcker hatte völlig recht und seine Meinung wurde sicherlich von den anderen anwesenden Kunden geteilt: Manche Kinder machten einfach Lust auf eigene. Sogar mir, wenn ich es genau betrachtete. Am besten sollte ich direkt hinübergehen zu diesem muskulösen und attraktiv verschwitzten jungen Mann in dem blauen Overall und ihn fragen, ob er mir den kleinen Gefallen tut. Seine Erbanlagen sind sicher ausgezeichnet, bei diesen dichten braunen Haaren und den feurigen dunklen Augen, er wäre eine wahre Investition.

Ohne viel Umstände, versteht sich - es würde reichen, wenn er mit einer Hand meine Seidenbluse und mit der anderen den Rock zerfetzt, mich animalisch auf der Theke zwischen Laugenbrezeln und Aufbackbrötchen nimmt und dabei noch genauso gut riecht, wie er gerade aussieht (und eventuell auch noch ein wenig Stehvermögen besitzt). Wäre das zuviel verlangt? Nun gut, ich sehe es ein, es wäre den anwesenden älteren Damen gegenüber egoistisch, meine spontan aufkeimenden Muttergefühle ebenso spontan auszuleben.

“Geben Sie mir doch bitte auch einen von diesen Lutschern”, sage ich und verlasse den Laden mit einer steril verpackten pinkfarbenen Kugel auf einem Stiel. Irgendwie ist es nicht dasselbe. Sie macht mich nicht so glücklich wie die Kinder.

(Juni 1996)

Beim Bäcker, Mitschreibprojekt bei Claudia Klinger


Frauen und andere Katzen
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