Katzenfrau.de Kurzgeschichten und Märchen

Weihnachten geht mir auf die Nerven. Und wenn Sie mal ehrlich zu sich selbst sind, dann werden auch Sie zugeben müssen, daß die Feiertage eher eine Belastung als eine segenserfüllte Zeit sind.

Es gibt soviele Gründe, die Weihnachtszeit zu hassen. Verdrängen wir mal die weihnachtlichen Süsswaren, die ab Ende September in den Supermärkten auftauchen und zu Diskussionen über als Schokoladenmänner verkleidete Osterhasen anregen. Die Völlerei geht doch sowieso nur Hand in Hand mit der neuesten Diät und Spendenaktionen für verhungernde Völker.

Die Wunschzettel der Kinder aber sollten eigentlich den Erziehungsberechtigten derselben die Schamesröte ins Gesicht treiben, so schiebt der Konsum das Fest der Liebe zur Seite weg. Stattdessen investieren die Eltern der lieben Kleinen ein Vermögen in Plastikramsch und beklagen sich dann, daß die Erwartungshaltung der Gören so hoch ist.

Überhaupt, es sind die Geschenke, die mich so nerven. In meiner Firma bin ich ja nun mal derjenige, der die Weihnachtsgeschenke für interne und externe Kunden besorgt und ausliefert. Interne Kunden, so ein Blödsinn.

Total Quality Management, sagt Angela von der Disposition und kichert glockenhell, denn sie weiss genau, daß sie meinetwegen mit diesem Blödsinn zur Hölle fahren kann. Pardon. Warum soll ich Kollegen was schenken, die mich bei der Ausübung meines Jobs meistens mehr behindern als unterstützen? Meinen Vorschlag, jedem pauschal eine Milka-Weihnachtstüte für 9,99 DM zu schenken, hat der Chef nicht akzeptiert. Etwas mehr Mühe sollte man sich schon geben, meinte er.

Und jetzt kann ich mich damit auch noch herumärgern, denn es soll wie immer was besonderes sein, darf nichts kosten, muss vorgestern geliefert werden und soll von mir auch noch individuell verpackt werden.

Damit verglichen sind die echten, die externen Kunden nahezu harmlos. Die Weihnachtsgaben-Philosophie meiner Firma ist simpel: Wir verschenken Highlights. Kleine Momente des Erlebens, sozusagen. Manchmal schicke ich den Aussendienst hin, damit einer unserer Mitarbeiter sich die Zeit für ein nettes ausführliches Gespräch nimmt, mal tut es schon eine Karte für Roncalli und oft ist es nötig, dass man sich die Kundenkartei und alle verfügbaren Daten gründlich vornimmt, um das passende Geschenk zu finden.

Aber auch diese Aufgaben gehen mir zunehmend auf die Nerven. Man sollte doch wirklich meinen, daß erwachsene Menschen sich selbst auch mal darum kümmern können, nicht im Trübsinn des Alltags zu versinken, egal wie schwer dieser manchmal zu bewältigen sein mag. Mein Leben ist ebenfalls nicht immer lustig, im Gegenteil.

Nichts läuft in dieser Firma so, wie es sollte. Nur mal angenommen, ich würde zu Maria oder Magda aus dem Schreibpool der Datentypistinnen gehen und erwarten, daß sie meine neuen, wahrhaft himmlischen Geschenkideen für die zwölf Vorsitzenden der Geschäftsleitung elektronisch im System erfassen, damit die Bestellung termingerecht erfolgen kann. Man sollte meinen, das sei eine Kleinigkeit - die machen den ganzen Tag nichts anderes und ihre Aufgabe ist es noch obendrein.

Aber so läuft das natürlich nicht. Nach zwanzig Jahren administrativer Tätigkeit darf man von Magdalena nicht erwarten, dass sie irgendwie mit einem Kollegen zusammenarbeitet, der anlässlich des Geschäftsjahresabschlusses womöglich auch noch Hektik verbreitet.

“Mal schauen” ist die verbindlichste Auskunft, die sich dieser Frau entlocken lässt, bevor sie wieder in demonstrativ errichteten Papierbergen versinkt. Und Maria brauche ich nicht erst zu fragen - sie wird meine Liste entweder neben sich legen und da vergessen oder fröhlich alles direkt fehlerstrotzend ins System eintippen.

An Tagen wie heute frage ich mich, ob ich diesen Job wirklich bis zur Pensionierung durchziehen muss. Wenn man mir eine Abfindung anbieten würde, ich würde sie nehmen, aber in unserer Branche ist das eher unüblich. Dafür erhält man garantiert ein weihnachtliches Trauma, inklusive dem nervösen Tick, die Anfangsmelodie von “Jingle Bells” vor sich hin zu summen.

Jedes Jahr dasselbe. Meine Motivation ist wirklich auf dem Tiefpunkt angelangt, am liebsten würde ich alle Botenjungen feuern, um mir diese dämlichen Rückfragen nicht mehr anhören zu müssen, die sie genausogut auch Angela stellen könnten.

Und nun hat der Chef mich auch noch um einen Termin gebeten - um drei Uhr in seinem Büro, hat er gesagt. Um mal ein paar Dinge abzuklären, hat er gemeint.

“Nikolaus, wir müssen reden” hat er gesagt. Na dann.


Frauen und andere Katzen
Frauen und andere Katzen.

Kurzgeschichten, Märchen und erotische Erzählungen.

Taschenbuch mit Geschichten, die zum Teil auf katzenfrau.de veröffentlicht wurden.
(6,60 Euro - 104 S., online bestellen)