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Eigentlich ist Helga schuld. Das scharfe Knallen der Peitsche, die hüfthohen Lederstiefel und dazu die gleichzeitig befehlende und verführerische Frauenstimme, die zum Anrufen auffordert. Zarte Hände auf gelöcherter Lederwäsche,erneutes Peitschenknallen - und ich lag immer wieder vor dem heimatlichen Sofa auf dem Boden und schnappte verzweifelt nach Luft. Vor Lachen, versteht sich.

“Rufen Sie Helga an - 005 0815 0815 6” Zu später Stunde zwischen Wiederholungen und anderen TV-Werbespots für “Telefonservice” eingeblendet, reizt Helga mich auch nach hundert Wiederholungen noch zum Kichern. Und dann fragt man sich ja doch, wer eigentlich für solch einen Blödsinn satte DM 1,15 oder gar den Überseetarif pro Minute zahlt. Helga ist natürlich in Gesellschaft. Wenn man den poppigen Werbeeinblendungen glaubt, trifft sich die Nation nur noch am Telefon. Lauter lustige und selbstverständlich gutaussehende Leute amüsieren sich prächtig.

Nicht nur lustvolles Ächzen vom Band und Quatschen in der Chatline-Konferenz ist angesagt: In der Mausefalle lockt das süsse Versprechen, sich mit all diesen tollen Leuten live unterhalten zu können. Wunderbare Sache, sollte man annehmen. Ein Bier in der Kneipe nebenan ist nicht ganz so teuer und soll schon manchmal ähnliche Erfolge gebracht haben.

Jedenfalls war auch durch Helga & Co meine Neugier nie stark genug, um eine solche ausländische oder 0190er Nummer auch wirklich zu wählen. Allerdings bekam ich spitze Ohren, als eine neue Bekannte ganz nebenbei erwähnte, sie würde für eine “Dateline” arbeiten. Sie ließ sich kaum Informationen entlocken und beharrte nur entschieden darauf, sie müsse keine Sexbänder bestöhnen. Je mehr sie sich zierte, desto neugieriger wurde ich.

Vergessen war die Flaute, als ich mich nach dem Abi auf der Suche nach einem Nebenjob als Übersetzerin für erotische Romane bewarb und an der Übersetzung eines englischen Satzes in das legendär schlechte “rauh umkreiste sein Daumen ihre zarte Brustwarze” scheiterte. Vergessen auch das peinliche Angebot eines fliegenden Holländers, für DM 200,00 Stundenlohn meine ‘angenehme Telefonstimme’ für wilde Orgien bzw. deren Vortäuschung am Telefon herzugeben und der vierstündige Kicheranfall, der diese Karriere schon vor Beginn verhinderte - nämlich direkt nach Abhören eines Aufnahmebeispiels.

Statt endlich einzusehen, daß eine Existenz als vorgetäuschte Kurtisane vom Ansatz her zum Scheitern verurteilt sein mußte, bewarb ich mich scheinheilig auf den nächsten freien Job bei dieser sogenannten “Line”. Nicht in der Absicht, dort wirklich zu arbeiten. Dunkle Geheimnisse wollte ich lüften und meine Neugier befriedigen.

Zu meinem entzückten Entsetzen wurde ich bereits am selben Abend zum ‘Einhören’ geladen. Niemand wollte wissen, welche Qualifikationen ich vorzuweisen hatte, wie alt ich war oder wie ich den Job auszuführen gedachte. Nachfragen ergaben, daß es offensichtlich keine Schwierigkeiten gab, wenn man auf 580-Mark-Basis, schwarz oder freiberuflich mitarbeiten wollte: DM 15,00 Stundenlohn, fünfstündige Schichten, 24stündige Besetzung. Auch die Personalleitung fand, ich könnte ruhig schon mal eingehört werden, das offizielle Einstellungsgespräch könne man dann später führen.

Also trabte ich an einem Freitagabend um 23.00 Uhr in dem Büro im Zentrum an und hatte hierfür mit Müh und Not eine Garderobe ermittelt, die haarfein die Balance zwischen Business Class und Helga halten sollte. Das, so stellte ich schnell fest, war nicht nötig gewesen.

In dem karg möblierten Büro tummelte sich auf einer Seite des Schreibtischs eine kugelrunde kleine Blondine im Jogginganzug und ihr Gegenüber trug zur mottenzerfressenen Dauerwelle eine Art Kampfanzug mit Teddybären. Zwischen Colaflaschen, Chips und Pizza entdeckte ich Schreibblock, Stifte und zwei Telefone auf dem Tisch. Kein PC, keine komplizierte Telefonanlage - warum nur hatte ich mir eine Art Schaltzentrale mit emsigen Telefonistinnen vorgestellt?

Diese beiden Damen quatschten jedenfalls zuerst einmal miteinander und mit mir und zwischendurch immer mal wieder in das Mikro am Kopfhörer. Die kleine verfiel alle ein, zwei Minuten in einen seltsamen sanften Tonfall: ‘Hallo, ich bin die Kerstin aus Düsseldorf, 26 Jahre alt, blond, blauäugig und trotzdem gar nicht doof. Ich möchte mich hier heute abend nett unterhalten.’

Nachdem ich das einige Dutzend Male gehört hatte, fing ich an, mich zu fragen, ob sie nicht vielleicht doch ein bißchen beschränkt war.

Das andere Datelinegirl kämpfte erbittert mit ihrem wackeligen Kopfhörer Marke Billigbau und hämmerte auf ihrem Telefon herum. Gelegentlich hauchte sie mit professionell verrauchter Stimme “Hallo, hier ist die Marion aus Duisburg. Heute ist der Himmel voller Sterne und ich habe eben eine Sternschnuppe gesehen. Ich darf mir jetzt was wünschen und ich wünsche mir einen total netten Dialog mit Dir.” Oder ähnliches. Und dann kam wieder eine Pause.

Telefonieren hatte ich irgendwie total anders in Erinnerung und so räusperte ich mich denn solange, bis ich zum echten Störfaktor geworden war und endlich ein paar Erklärungen bekam.

Warteschlaufe wäre wohl eine bessere Beschreibung für diesen Dialog, denn man spricht nicht direkt miteinander, sondern schickt sich aufgezeichnete Nachrichten. Für den nichtsahnenden Teilnehmer sieht der Ablauf aus wie folgt: Er ruft die Hotline-Telefonnummer an - in diesem Fall war es eine, die mit 0190 beginnt - und wird von einer freundlichen Telefonstimme begrüßt. Wenn er sich schon auskennt, darf er die 1 drücken und geht zum nächsten Programmschritt, drückt er die 0, wird ihm genau erklärt, wie er sich unterhalten kann. Dann stellt er sich kurz vor, zum Beispiel “Heinz aus Essen” oder “Hier ist der Rainer aus Schwerte”. Diese Ansage wird gespeichert und wird den Anwesenden vorgespielt.

Zusätzlich bespricht jeder noch eine Art elektronischer Visitenkarte, etwa in der Art “Bin 29 Jahre alt, sportlich, fahre gern in Urlaub und möchte hier gerne nette Leute kennenlernen”.

Die eigene Ansage kann der Gast kontrollieren und bestätigen und ebenfalls an die anderen Teilnehmer freigeben. Eingaben erfolgen stets sehr simpel mit 1 oder 0 und werden genaustens erläutert. Jede Ansage kann man sich auch noch einmal wiederholen lassen bzw. das System selbst stellt per Tonband Rückfragen. Nachdem man sich also vorgestellt hat, ist man ‘auf der Line’ und bekommt von der Telefonanlage die Kurzvorstellungen von anderen vorgespielt und entscheidet individuell, ob man ihm oder ihr antwortet.

Selten fällt jemand aus dem Rahmen, die meisten verkünden schlicht, von woher sie anrufen und daß sie sich gerne unterhalten würden. Männer wählen die Line an - eine Teilnehmerin hat sich in den 8 Stunden nicht eingewählt, in denen ich dort war. Alle Männer sind auf der Suche nach einer Frau und ziehen selbst für flirtfreie Unterhaltung das andere Geschlecht vor.

Die Aufgabe der Dateline-Girls ist es, mit den Teilnehmern echt wirkende Dialoge zu führen und die Leute möglichst lange im System zu halten. Der Anrufer wird angesprochen, sobald er das System betritt, als würde ihn zufällig ein nettes Mädel zwischen den anderen entdecken. Die Nachrichten erreichen ihn als Aufzeichnung, er spricht dann seine Antwort auf und schickt sie sozusagen zurück. Und wartet. Das dauert… und dauert…. und dauert. Die Angaben werden ja auch noch ständig wiederholt, um ganz sicherzugehen, daß alles richtig läuft - und zwecks Zeitgewinn. Zeitgewinn für den Anbieter, versteht sich.

Die beiden Damen an der Hotline erzählten von Stammkunden und deren Schrullen und von den vielen Phantasiegeschichten, die sie den Anrufern auftischten. Vor einigen Monaten hatten sich gelegentlich auch Frauen eingewählt - die sich dann mit den Anrufern auch getroffen und es den Arbeiterinnen schwer gemacht hatten, echt zu wirken und trotzdem keine Rendezvous zu vereinbaren. Einige dieser Anruferinnen hatten auch dem horizontalen Gewerbe angehört und über die dadurch entstehenden Irrungen und Wirrungen lachte man immer noch. Ohnehin versicherten mir beide, sie könnten ohne großes Nachdenken wahre Romane verfassen über die Arbeit ‘auf der Line’.

An diesem Freitagabend waren jeweils etwa 4 bis 5 Männer gleichzeitig im System. Es zuckte mir in den Fingern, die Ohren fingen auch schon an und dann war es soweit, ich hatte den Kopfhörer erobert und durfte - endlich - selbst mitmischen.

“Hallo, ich bin die Sandra aus Mülheim und ich habe leider einen kaputten Fuss und langweile mich hier ganz furchtbar. Was ist denn Deine Ausrede, warum bist Du in der Freitagnacht zuhause?” War es ein anerkennender Blick, der mich von der kleinen Blondine traf? Oder hatte ich zu laut gesprochen und ihre aktuelle Aufzeichnung gestört?

Wie gesagt, es ist kinderleicht. Schnell verfällt man in einen unverbindlichen Smalltalk und dadurch, daß man ja nicht direkt mit dem anderen spricht, sondern Nachrichten verschickt, ist die Distanz viel größer und man verliert schnell die Skrupel, einfach draufloszuerzählen. Allerdings ist der Spielraum für künstlerische Freiheiten arg eingeschränkt. Einen inhaltsvollen Dialog aufzubauen, das lohnt die Mühe einfach nicht: Die Herren, mit denen ich sprach, hatten sich durchgehend in die Line eingewählt, um eine Frau kennenzulernen, und die durfte nicht zu schlau und bitte auch nicht anspruchsvoll sein. Für erotische Anzeigen ist zwar kein Platz, die werden gar nicht erst im System akzeptiert, sondern von den Damen bei der Anmeldung gelöscht (eine Art Türsteher sind sie also auch noch).

Aber schon bei der gesprochenen Kurzvorstellung oder spätestens beim Anhören der ersten Voice Mail wird klar, fast jeder Anrufer hofft auf die sofortige Traumfrau. Natürlich würden sie alle gerne von der teuren Dateline wegkommen und zurückgerufen werden - sieben oder acht Männer nannten ohne Aufforderung ihre private Telefonnummer. (Anscheinend wird es aber stillschweigend akzeptiert, daß weibliche Gesprächspartner die eigene Telefonnummer nicht gerne preisgeben.)

Die Telefonanlage läßt es nicht zu, daß man allzu kurze Antworten zurückjagt, prompt folgt darauf die Tonbandansage “Na, das war doch wohl etwas wenig. Versuchs bitte noch mal!” Wer wieder auflegt, wird allen Teilnehmern ebenfalls namentlich per Bandansage durchgegeben, so behält man den Überblick, wer alles noch dabei ist. Trotz der leicht zu durchschauenden Taktik, mit freundlichen Mädels die Line in Gang zu halten, gibt es nicht nur massenhaft neue Anrufer, sondern ebensoviele Stammgäste.

“Martin aus Ahaus ist wieder drin” verkündete die kleine Blonde und verdrehte die Augen. Eine Minute später hatte er auch mich angesprochen und ich verstand, warum sich alle so wissende Blicke zugelacht hatten.

Ein sonor-arrogantes Näseln mit der Aufforderung, doch mal alles über mich zu erzählen, klang mir im Kopfhörer - und außerdem erwähnte der Knabe in den paar Sekunden seinen Porsche, seine Leidenschaft für Asienurlaub, schweren Goldschmuck, junge Frauen und Golfspielen auf Mauritius. Aha. Jemand wie Martin (und auch so manch anderer) ruft täglich auf der Dateline an, manchmal stundenlang. Eine Stunde für knapp 70 DM.

Es scheint nicht weiter aufzufallen, daß Inge sich einen Tag später Silke nennt und letzte Woche Kirsten hieß... auch nicht den absolut treuen Stammanrufern. Die Mädels sind 24, 25 oder 26 (auch wenn eine 50jährige vor dem Telefon sitzt), nett, zierlich, pflegeleicht und ach so locker.

“Find ich total gut, daß Du so ehrlich bist und zugibst, daß Du verheiratet bist, ey. Ehrlichkeit ist echt total wichtig für mich, weil da sonst kein Vertrauen kommt und was soll man mit einer Beziehung ohne Vertrauen. Nun sag doch mal, warum mußt Du denn heute mit dem Hund allein zuhause sitzen? Das ist aber nicht lieb von Deiner Frau…” säuselte ich auf Band und wußte bereits, mit der nächsten Ansage würde ich den Typen verständnisvoll und schmelzend in seine Schranken weisen. “Du, ich find es toll, daß Du so ehrlich gewesen bist und ich werde auch ganz offen sein: Hier wollte ich echt nur’n bißchen Fun haben und mit den Leuten quatschen. Nach Flirten oder so ist mir momentan nicht zumute, ich habe gerade eine ganz lange Beziehung hinter mir, das verstehst Du doch. Sei nicht sauer….”

Martin versteht das gut. Das arme kleine Ding braucht Ablenkung und Trost und er ist DER Mann dafür. Also legt er sich voll ins Zeug - die Kasse klingelt. Leider bekommen wir keine Prozente, denke ich bedauernd und erkläre Klaus, daß ich ihn leider nicht zurückrufen kann, denn ich bin auf der Line mit einer Freundin verabredet und muß deswegen ‘draufbleiben’, aber er habe echt eine total nette Stimme. Zugegeben, es macht Spaß.

Dann kommt Helmut und ich habe keinen Spaß mehr, sondern einen Kloß im Magen.

Helmuts’ Frau ist gestorben, die Kinder sind bei Verwandten und er ist alleine. Er arbeitet im Schichtdienst und er würde gerne eine liebe, nette Frau kennenlernen, die auch gerne spazierengeht und sich mit ihm vielleicht einen kleinen Hund kauft. Aber weil er immer arbeiten muß, ist das nicht so einfach. Helmut wirkt auf mich wie ein einfacher, ehrlicher Mann. Und ich soll ihn dazu bringen, daß er sein Geld verpulvert. Ich könnte losheulen, so leid tut er mir, aber das geht natürlich nicht.

“Hallo Helmut, das tut mir aber leid, daß Deine Frau gestorben ist. Mir fällt auch manchmal die Decke auf den Kopf, wenn ich alleine bin und deswegen hab ich hier mal angerufen. Aber ich will ganz ehrlich sein: Ich kann mir nicht vorstellen, daß man übers Telefon einen Partner findet. Hoffentlich bist Du jetzt nicht sauer oder enttäuscht oder so, aber ich sage lieber gleich ganz offen, daß ich nur mal hier reinhören wollte.”

Helmut versteht. Er ist ganz dankbar dafür, daß ihm jemand zuhört und Verständnis dafür hat, daß er sich eine Frau wünscht oder vielleicht brauchte er einfach nur eine Ablenkung und hat seine Tarifeinheiten gerne investiert. Ich jedenfalls würde das sehr gerne glauben.

Als ich im Morgengrauen nach Hause fahre, weiß ich, daß man mir den Job anbieten wird, aber auch, daß ich ihn nicht nehmen werde. Es ist leicht verdientes Geld, soviel steht fest. Meine Neugier ist befriedigt. Und sollte ich je mein Taschengeld sehr dringend aufbessern müssen, weiß ich nun, wie.

“Hallo, hier ist die Helga. Ich bin 26 Jahre alt, einmeterzweiundsechzig groß, blond und schaue mit blauen Augen in die Welt. Wer will sich mit mir unterhalten? Meine Peitschensammlung habe ich geputzt und nun ist mir langweilig…”

(Dateline besucht am 20. Oktober 1995)


Frauen und andere Katzen
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