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“So einen Planeten habe ich noch nie gesehen.” Der Schiffsjunge war völlig aus dem Häuschen, beziehungsweise aus dem Raumschiff-Beiboot. Er war vom Panoramafenster auf der Brücke gar nicht mehr wegzukriegen, und langsam begann es den Kapitän zu nerven. Ungeduldig richtete er den Blick auf die endlose Schwärze des Alls, in der zart leuchtend der neue Planet schwebte. “Es gibt unendlich viele genau solche Planeten.” sagte er. In seiner Stimme schwang etwas Endgültiges mit, das den ersten Maat aufhorchen ließ. Besorgt warf er einen Blick auf das klassische Profil seines obersten Vorgesetzten. Aber der wandte sich ab, ohne ihm in die Augen zu sehen. “Fangen wir an.”

Die Vorbereitungen an dem großen Kampfschiff gingen zügig voran. Die Truppe befand sich in Meditation, während ihre Ausrüstung vorbereitet wurde. Einige Mitglieder der Besatzung waren dagegen, dass der neue Planet analysiert wurde. Leises Murren begleitete den Kapitän, wenn er festen Schrittes durch die Gänge des Raumschiffs ging, ohne jemals nach rechts oder links zu schauen. ‘Es ist nicht richtig. Wir zerstören eine fremde Welt, Millionen von uns noch unbekannten Kulturen!’ wisperte es im Speisesaal, in den Flüssiggastanks und auf den Zwischendecks. Alle wussten, was geschehen würde. Auch der Schiffsjunge hatte nun begriffen, dass die beabsichtigte Analyse die Ansage einer völligen Zerstörung war.

Unglücklich schlang er die immer noch blauen - weil verhältnismäßig jungen - Tentakel um seine eigenen Schultern und schloss die dunklen gefederten Augen bis auf eines. “Warum zerstören wir dieses Volk? Vielleicht sind sie ja friedlich!” fragte er den ersten Maat, der mit einem leisen Zischen seine Magenöffnung hob und senkte und resigniert alle fünf Arme eng anlegte. “Unsere haben schlechte Erfahrungen mit blauen Planeten gemacht. Eine Analyse ist weniger gefährlich als eine Invasion. Wir fliegen einfach runter und ... flatsch.” Das Geräusch des aufprallenden Tentakels auf die Schiffswand war eindeutig. Der kleine Schiffsjunge dachte an die pulsierenden Behälter mit Milliarden Blasen aus giftgelbem Gas unter dem großen Schiff und zuckte zusammen.

Tief innen drin in ihm flüsterte ein Stimmchen: Besser die als wir - als ich. Er rollte sich flach zusammen und verschwand zwischen den Bodenbrettern. Erwachsenwerden tat in letzter Zeit so weh. Später in der Nacht würde er sehnsüchtig am oberen Rand des Panoramafensters entlang gleiten und den blauen Planeten betrachten, der mit nur einer Sonne, nur einem Mond auskommen musste und der aus soviel Wasser und so wenig Erde bestand. Schweigend tanzte die Erde ihre Umlaufbahn entlang. Wenige Meter entfernt glühten die Giftgas-Tanks schwach in der Dunkelheit. ‘Millionen ... Menschen, so heißen sie ... werden in weniger als 18 Zeiteinheiten sterben.’ dachte er und strich wehmütig mit den Augenfedern über das schwarze Glas. Es gab nichts, was er tun konnte.

“Wir haben die Erdatmosphäre durchquert und nähern uns dem Ziel.” Wie immer klang der Kapitän, als hätte er keinerlei Emotionen unter dem Stirnpanzer. Der erste Maat wusste es besser - er hatte den Kapitän in den stillen Zeiteinheiten vor den steinernen Tentakeln der Göttin purpurne Klumpen weinen sehen. ‘Er tut, was er für richtig hält. Er tut es für uns.’ dachte er und schwieg, während er Befehl um Befehl seines Vorgesetzten gewissenhaft ausführte, die Giftgastanks in Schussbereitschaft brachte und alle für die Besatzung notwendigen Sicherheitsvorkehrungen durchführte. Der Schiffsjunge war verschwunden. Aber es war zu spät, um ihn zu suchen, er musste nun selbst auf sich aufpassen. Das größte Schiff ihrer Rasse raste mit unglaublicher Geschwindigkeit auf die Erde zu. Eine Aufforderung zum letzten Tanz. Nur noch wenige Zeiteinheiten, dann ...

Flatsch. Das Ende kam in Sekundenschnelle. Den Besatzungsmitgliedern des feindlichen Raumschiffs war es nicht einmal mehr vergönnt, ihren aktuellen Gedanken zu Ende zu führen ... da wurden sie bereits zu Brei zerquetscht. Nur der kleine Schiffsjunge lebte noch eine halbe Minute länger, als er aus seinem Versteck auf dem hinteren Deck herausgeschleudert und durch die Luft gewirbelt wurde.

“Leonie-Katharina! Steck das nicht in den Mund!!!” war das letzte, was er noch lebend hörte. ‘Soviel ... Sand auf diesem Planeten’, dachte er noch. Dann landete das Förmchen auf ihm und es war vorbei.


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