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Eingedost.

(Auszug aus Frauen und andere Katzen)

“Alles, was ich will, ist jemand, der mich lieb hat und der zu mir gehört”, schluchzt sie in den Hörer. “Nur jemanden, mit dem ich mein Leben teilen kann, der mich mal in den Arm nimmt und all so was, damit man nicht immer alles alleine schaffen muss. Ist das denn zuviel verlangt?”

Dann kommt eine Pause. Am anderen Ende der geringelten Schnur hängt Annemarie, die beste Freundin. Sie sagt jetzt beruhigende, monotone Dinge. Das weiß ich, denn ich habe das schon oft gehört.
Annemarie weiß, wie man jemanden beruhigt und sie weiß auch, wie man eine Katze krault. Wenige Menschen können das richtig: Nicht zu fest, nicht zu lasch, mit Genuss und an den richtigen Stellen.
“Wie schwer kann das denn sein, jemanden zu finden! Angeblich gibt es Millionen von Singles da draußen, wo sind die denn bloß alle?” Schniefen, Schnaufen und Naseputzen, dann ein leises schmerzliches Stöhnen.

Ich weiß, was Annemarie jetzt sagt. Wenn ich die Augen schließe, die Schnurrhaare still halte und mich konzentriere, kann ich es sogar ganz leise hören. ‘Den Richtigen findet man nicht einfach so im Supermarkt um die Ecke. Du musst eben Geduld haben, und vor allem nicht krampfhaft suchen, dann klappt das schon.’

Eigentlich ist es nicht wichtig, was genau Annemarie zu ihr sagt. Der hypnotische Tonfall wird sie beruhigen. “Aber ich suche doch nur jemanden, den ich lieb haben darf”, schluchzt sie.

Nein, denke ich, das tust Du nicht. Wenn das wirklich alles wäre, was Du willst, dann würdest Du Dich mit dem blonden Nachbarn paaren, der immer so verlegen wird, wenn er Deine Einkäufe trägt. Er würde schnurren und sich an Dir reiben, wenn er sich nur trauen würde .... aber Du merkst das nicht einmal.

Ich strecke mich und betrachte meine Krallen. Jetzt ist der richtige Moment, sie in den Sofarand zu graben und sich so richtig schön zu dehnen, bis alle Muskeln weich und locker werden, wenn ich loslasse.

“SHEENA!” Menschen würden zusammenzucken, wenn sie mitten in ihrer Gymnastik so angebrüllt würden. Ich jedoch wackele nicht mit einem einzigen Schnurrbarthaar. Sie wird das Telefon jetzt nicht loslassen, das weiß ich genau.

Also dehne ich mich weiter, beende die Übung und springe dann auf das Fensterbrett. Der blonde Nachbar fegt den Hof. Es würde ihn nicht berühren, dass ich gerade flüchtig an ihn gedacht habe, er ist nur an ihr interessiert. Vielleicht kann er auch das laute Geheule hören?

Schon wieder schnieft sie: “Aber es muss doch jemanden geben, der ...” Das muss eine magische Formel sein. Nur: Wann wird sie endlich wirken? Ich werde mich in die Sonne legen und darüber nachdenken.

Wenn Menschen lernen würden, sich eine warme Stelle auf den Pelz scheinen zu lassen, während sie nachdenken, vielleicht wäre dann manches weniger kompliziert. Paarung zum Beispiel. Es ist ja nun nicht so, dass meine Wohnungsgefährtin niemanden kennen würde, der für die Paarung in Frage kommt.
Im Gegenteil, das ganze Gejammer würde gar nicht stattfinden, wenn sie einfach nur alleine wäre. Dann würde sie loslaufen und jeden vorsichtig beschnuppern, den sie trifft.

Sie hat ein seidiges langes Fell, glänzende Augen und einen eleganten Gang - außerdem ist es wirklich nicht besonders schwierig, ein paarungsbereites Männchen zu finden. Aber was dann passiert .... endet meist mit Annemarie am Telefon. Liebeskummer heißt das wohl.

Das Telefon sagt ‘klick’ und ‘tüttütüütttüütüüüdüpp’. Das ist die Nummer von Petra, beste Freundin Zwei. Sie wird jetzt Petra alles noch einmal erzählen, was sie Annemarie schon gesagt hat und es fünfmal wiederholen.

Dann geht es ihr endlich etwas besser. Und wenn nicht, dann wird sie Annemarie wieder anrufen. Es ist seltsam, worauf Menschenweibchen ihre Zeit verwenden.

Es geht bei all dem Theater doch nur um dieses Männchen, dass sie vor drei oder vier Wochen gefunden hat. Allerdings ein Prachtstück, das muss ich zugeben – feurige schwarze Augen, kräftiges dunkles Fell und eine tänzerische Eleganz in jedem Schritt.

Seine Hände fassen eine Katze mit zarter Kraft und ich durfte mich auf seinem Schoss ausstrecken, als würden wir uns seit Jahren kennen. Sie wäre auch gerne von ihm gekrault worden, das konnte man sehen.

Aber statt den Kopf an ihm zu reiben und ihm zu zeigen, dass sie seidenweich und glatt ist, beginnt sie von früheren Paarungszeiten zu reden. Von anderen Männchen und den Schwierigkeiten, die es gab und davon, dass sie nicht weiß, ob sie sich wieder paaren will.

Sie braucht Zeit, hat sie gesagt. Und erstaunlicherweise hat er genickt und ist nicht gegangen. Den Unterschied zwischen Menschenmännchen und Katern werde ich vielleicht eines Tages herausfinden, wenn ich beide nur weiter aufmerksam beobachte.

Dann ging alles gut. Sie wartete auf seine Anrufe und wenn er nicht angerufen hat, sprach sie mit Annemarie und Petra darüber, warum sie ihn nicht selbst anrufen wollte. Wenn er anrief, war sie fröhlich und ich bekam oft Dinge aus dem Kühlschrank, die an anderen Tagen nicht gut für mich sind.
Ab und zu rief sie ihn an und danach sprach sie mit Annemarie und Petra darüber. Soweit sich das beobachten ließ, tat sich nicht viel.

Vor drei Tagen dann hat er nicht angerufen, obwohl er es versprochen hat. Sie sagte nicht viel darüber, lachte oft und laut am Telefon mit den Freundinnen, aber es klang nicht so wie sonst. Am nächsten Tag war sie sehr still und seit gestern Abend weint sie.

Ich verstehe sie nicht. Warum weinen? Er wird herumwandern, wie Kater es eben tun. Überhaupt, wenn sie sich hätten paaren wollen, warum haben sie es dann nicht getan? Vielleicht hat das schwarzäugige Männchen dieses seltsam langgezogene Balzritual nicht mehr gewollt.

Obwohl, das kann eigentlich nicht sein. Wenn ich die Augen einen Spalt breit öffne, kann ich sehen, wie er auf der anderen Straßenseite gerade seinen Wagen einparkt.

In wenigen Minuten wird er den Hof überqueren und an der Tür klingeln, und sie hängt immer noch am Telefon und jammert diesmal Petra vor “Alles, was ich will, ist jemand der mich lieb hat und der zu mir gehört”.

Wenn diese Formel doch nur endlich wirken würde! Auch für eine gelassene Katze mit guten Nerven wird das langsam ein wenig zuviel. Was wäre wenn….

... wir einfach tauschen könnten? Ich spüre, wie sich bei diesem Gedanken meine Augen ruckartig vergrößern und springe fauchend auf den Boden. Meine Pfoten verändern sich und meine Schnurrhaare verschwinden!

Der Raum wird klein und flach. Auf der anderen Seite des Zimmers fällt der Telefonhörer zu Boden und eine wunderschöne weiße Katze versteckt sich ängstlich unter dem Stuhl. Vorsichtig probiere ich meine ungewohnten neuen Beine aus und stürze fast.

Das glatte Fell hängt über meine Augen und ich würde die Nackenhaare aufstellen, wären sie nicht so lang. Ungewohnt sind auch mein Duft und die Größe. Ich muss mich vorsichtig bewegen, sonst stoße ich an die Möbel.

Es klingelt an der Tür - das muss das schwarzäugige Männchen sein. Mit den seltsam stumpfen neuen Krallen öffne ich vorsichtig, aber ohne Zögern - dieser Mann ist der Grund für unseren Tausch. Auch wenn ich lieber erst die neuen Muskeln dehnen würde, so kann ich ihn doch nicht warten lassen.
Er sieht anders aus als sonst, irgendwie überrascht und etwas aufgeregt. “Hoppla”, sagt er und sieht in Richtung Telefon und wieder zurück zu mir. Ihre Kleidung liegt dort auf dem Boden und ich weiß jetzt nicht, ob das richtig oder falsch ist für ein Menschenweibchen.

Dieses Fell fühlt sich aber gut an, so wie es ist - auch ohne bedeckt zu sein. Ich möchte maunzen und den Kopf an ihm reiben, er riecht angenehm. Außerdem sieht er aus, als würde er auch gleich schnurren oder einen liebenden Schrei ausstoßen wollen wie ein Kater.

Er räuspert sich und sagt in einer ganz anderen Tonlage als sonst und ziemlich leise: “Du sagst ja gar nichts…. Willst Du mich nicht begrüßen?”

“Alles, was ich will, ist jemand, der mich liebt und der zu mir gehört”, sage ich heiser mit der ungewohnten Stimme. Und neige den Kopf zur Seite, damit er meinen ungeschützten Hals sehen kann.

Paarungszeit.


Frauen und andere Katzen
Frauen und andere Katzen.

Kurzgeschichten, Märchen und erotische Erzählungen.

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