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Mimi

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Sternenturm

Ein Stück der Treppe im inneren Turm war seitlich weggebrochen. So musste er mit Mühe über die versprengten Trümmer und durch die unter dem Ansturm der Natur zerbrochenen Erkerfenster über die eingedrungenen Ranken klettern, um ganz nach oben zu gelangen. Die Pflanzen überwucherten auch den Eingang zum Penthouse und er stieß einen Fluch aus, der ein Königreich hätte erwecken können: Das Schwert hing sicher verwahrt am Sattel des gigantischen Rappen, der weit weg im Hof vor dem Schloss wie eine Statue aus Muskeln und Mitternacht auf die Rückkehr seines Herren wartete.

Bis zur Morgendämmerung fehlten nur wenige Stunden, von denen eine jede einzelne eine seltene Perle war, die nicht verschwendet werden durfte. Also betrachtete er die grüne Wand im obersten Stock und suchte nach einer Möglichkeit, auch ohne Waffe einzutreten. Bei näherem Hinsehen schien es ihm, als würden die Ranken über der Tür sich dichter zusammenziehen und zornig ihre messerscharfen Spitzen zeigen, sobald er die Hand hob, um sie auseinander zu reißen.

Aber wenn er sich ruhig verhielt, nicht fluchte, sondern nur schaute ... wichen sie ein wenig zurück. “Lasst mich ein!” sprach er mit jener Stimme, die kühl und gelassen klang und doch seinen Knappen stets unweigerlich erblassen ließ. Ein Zittern floss durch die Rankenwand und sie verhärtete sich sichtlich. “Lasst mich ein.” Bat er nun mit der anderen Stimme, jener, die Schenkel und Schanktüren und steinerne Herzen öffnete. War da ein Kichern, ein Raunen? Sanft flossen die Pflanzen vom Türrahmen hinab, schlängelten sich zärtlich um seine Füße und verschwanden dann in der Menge der anderen Gewächse. Die Tür lag frei.

Bevor er aber eintrat, schloss er für einige Sekunden die Augen und rief sich noch einmal und wie schon viele Male zuvor in dieser Nacht das Bild ins Gedächtnis zurück, das auf der Videoleinwand auf dem Marktplatz im anderen Königreich übertragen worden war. «Was für eine Verschwendung» hatte Lancelot mit einem seltsam intensiven Unterton in seinen Weinpokal gemurmelt und ihn damit aus der Konzentration gerissen. «Sieh dir die Kleine doch an, und die liegt nun noch jahrzehntelang da herum.»

Erst da hatte er begriffen, dass es sich nicht um einen mit künstlichem Rauschen und Flimmern unterlegten Music-Clip handelte, sondern um eine Aufzeichnung aus jener Zeit, bevor das Königreich der Rosen offiziell zum Naturschutzgebiet erklärt wurde. Sie hatte im Wachkoma den Kopf halb erhoben, die Augen für einen nebligen Moment geöffnet und an der Kamera vorbei in eine Ferne am anderen Ende ihrer gefrorenen Zeit geblickt, bevor sie die Wange wieder in die Kissen schmiegte.

Und noch während die Kumpane sich an derben Sprüchen ergötzten, wie ein Mann eine verzauberte Prinzessin ganz sicherlich erwecken könnte ... hob am anderen Ende des gepflasterten Rondells ein großes schwarzes Pferd aufmerksam den Kopf und setzte sich in Bewegung, um dem unhörbaren Ruf seines Gebieters zu folgen.

Nun stand er oben im Turm der Winde an diesem Ort, den lange niemand mehr erreicht hatte und zögerte doch. Würde sie auch nach fünfzig Jahren noch diese Haut aus Schnee und Seide tragen? Oder hätte er doch lieber Wasser und Seife mitbringen sollen? Ein kurzes Lachen über diesen entzauberten Gedankengang konnte er nicht unterdrücken - und schrak zurück, als sich daraufhin mit einem freundlichen Knarzen die schwere Tür öffnete, ohne dass er sie auch nur angerührt hatte. So trat er denn ein.

Sie lag wie erwartet zwischen den zerwühlten Laken auf einer Decke aus Ranken, die wispernd davon glitten und im Wandbewuchs verschwanden, als er näher trat. Voller Verblüffung betrachtete er die rechte Hand der Prinzessin, die sich fern jeder Öffentlichkeit befand dort unter jenem mürben Seidenhemd, das nur noch von wenigen Nähten zusammengehalten wurde.

Eine Brustwarze, die in Form und Farbe sichtlich einer Rosenknospe ähnelte, stach fast durch den Hauch von Stoff. Ein leises Seufzen hallte fast unmerklich von den nun fast kahlen Wänden wider, deren stachliger Bewuchs davon zu tropfen und aus dem Fenster zu fließen schien. Die Träume mussten schön sein in ihrem eigenen Reich, dachte er und lockerte unmerklich sein Gewand. Der Staub vieler Jahrzehnte wirbelte in kleinen Wölkchen davon, als er näher trat, um sich auf dem Bettrand nieder zu lassen.

Er war in das Königreich der Rosen gekommen, um eine Rose zu rauben und zu plündern, so wie es in der Natur der Männer lag. So wie man isst und trinkt und schläft, so hatten sich seine Sinne – und nicht nur diese – geregt, als er ihr Antlitz sah, und doch nichts wusste über sie. Hatte sich in Sicherheit gewiegt, waren ihm doch genug schlafende Mädchen untergekommen in seinen wilden Jahren. Sich stolz und wild und frei gefühlt, denn er wusste, nicht viele konnten diese Grenzen überschreiten und diesen Turm erklimmen. Vielleicht konnte es gar niemand außer ihm?

Und während er sich noch als Raubtier fühlte, unbezwingbar und mit übermütigen Gedanken beschäftigt, hatte er einen fast unmerklichen Schritt zu viel getan und war verzaubert worden. Zu nah war er an dieses Bett getreten, umnebelt von einem nur erahnten Duft. Zu viel hatte er in einem einzigen belauschten Atemzug gesehen und gespürt. Er hatte sich im Anblick der sanft geschwungenen Lippen verfangen, sein Blick war der Kurve ihres Halses in die Tiefen der weichen Hügel gefolgt und seine Finger brannten nun vor Sehnsucht, ihre Spuren auf dem milchweißen Fleisch zu hinterlassen. Ein Räuber war durch die Tür getreten, ein dunkler Ritter hatte sie hinter sich verriegelt und ein Prinz der Morgendämmerung würde nun sein Geschenk erbringen – und auch eines verlangen.

Sanft wischte er einen Hauch von Staub von ihrem Kinn und beugte sich über sie, um die warmen weichen Lippen mit seinen eigenen nun vorsichtig zu erkunden. Sie schüttelte schlafend fast unwillig den Kopf und wich ihm aus, dann ergab sie sich seinem Kuss ... um nach wenigen Momenten ihre Lippen bereitwillig zu öffnen. Er schwelgte in ihrer Weichheit und in ihrem süßen Geschmack, genoss die Gewissheit, dass sein Bartansatz ihre weiße Haut aufreiben und seinen Stempel auf dieser nun feuchtroten Blüte hinterlassen würde. Seine Zungenspitze erweckte die ihre und erstaunt spürte er, wie bedingungslos sie in seinen Armen brannte und gleichzeitig auch schmolz. Nur wach, das wurde sie nicht.

Brennender Honig war dieser Kuss, eine hungrig machende Nahrung, die ihn mit Zärtlichkeit und Verlangen speiste – aber auch mit einer gewissen Rührung, gegen die er sich nun wieder verhärten wollte. Vielleicht hätte er noch Hundert Jahre so liegen können, freiwilliger Gefangener süßer Küsse. Andererseits war auch er, wie alle Erben Adams, mit einem Fluch belegt worden und dieser fand es nicht mehr wirklich lustig, wie er nun schon seit geraumer Zeit unkomfortabel gegen die Matratze gepresst wurde.

«Wach auf.» sagte er mit der Stimme aus Samt und Gefahr, die den warmen Sommerwind dazu bringen konnte, für einen vereinzelten Hauch den Atem anzuhalten. Ohne die Augen zu öffnen, drängte sie sich ihm entgegen und öffnete sehnsüchtig die zerbissenen Lippen, um weitere zärtliche Misshandlung flehend.

«Wach auf.» wiederholte er und schob seine Hand unter das zerfetzte Hemd und zwischen den Falten des Stoffs hoch bis hin zu denen aus zartestem Fleisch. Sie erbebte und wie von ihm vorhergesehen, versuchte sie instinktiv die Beine zu schließen und fing so seine forschende Hand in einer strategisch günstigen Position ein. Ihn rührte das halbe Erstaunen auf ihrem schlafenden Gesicht tief in seinem erfahrenen Herzen an - aber es rührte ihn nicht so sehr, dass freundliche Rücksichtnahme nun seine interessierten Finger auf den Rückzug geführt hätte. Die Jagd hatte Vorrang über die wachsende Erkenntnis, dass er nun unweigerlich einen Zauber gegen einen anderen tauschen würde.

Erbarmungslose Zärtlichkeit verstärkte also den Druck seiner Hand, während seine Lippen sich durch den sich prompt völlig auflösenden Stoff um eine vorwitzig hochschauende Brustwarze schlossen, um sie anzuknabbern und aufzustacheln. Die Frau unter seinen Händen erschauerte heftig und floss ihm dann wellenförmig entgegen. So hart wuchs seine Begierde beim Anblick dieser wonnevoll entgleisten unschuldigen Züge, dass er die Augen schließen musste, um ihr nicht versehentlich zu folgen.

Als er sie wieder öffnete, war sie wach und sah ihn an. Er ließ die zarte Knospe ihrer Brust aus seinem Mund entweichen und richtete sich halb auf. Die Hand aber ließ er dort, wo sie war. «Mylady» sagte er und verneigte sich im Sitzen, so weit das möglich war. «Es ist mir ein Vergnügen, Sie zu treffen.»

«Zu ... treffen?» fragte sie ungläubig und versuchte, sich schräg seitlich von ihm fort zu bewegen, was aber nur zur Folge hatte, dass er seinen Daumen nachdrücklich sicherer platzierte. Entzückt betrachtete er, wie ein starker Charakter und ein klarer Blick von ihren süßen Zügen Besitz ergriffen, sobald sie wirklich erwachte - und wie eine Mischung aus Unglauben und Trotz ihr Gesicht füllte, aber kein Hass und keine Angst zu erkennen waren. «Ja, zu treffen. Und es wird mir ein Vergnügen sein, Sie nun auch kennen zu lernen.»

Verdutzte Schamesröte flutete ihre Wangen, als sie angesichts seines sichtlich einsatzbereiten Unterleibs nur zu deutlich begriff, was er damit wohl meinte. Ihm gefiel, dass sie den Blick nicht versteckte, mit dem sie den nahenden Feind inspizierte, und ihm gefiel noch besser, dass sie ein winziges ängstliches Verzagen ob seiner Größe tapfer zu verstecken suchte. Er nahm sich die Freiheit, die weichen anderthalb Handvoll ihrer linken Brust zärtlich mit seiner rauen Hand zu umspannen und ahnte, dass diese Prinzessin sich den Gesetzen der Natur unterwerfen würde wie Regen und Sonne, Wind und Feuersturm es taten.

Der Kanarienvogel im Käfig unter der Decke tschilpte heiser und fiel kopfüber von der Stange, nicht mehr mit den Gesetzen der Balance und Schwerkraft vertraut nach so vielen Jahrzehnten Schlaf. Die Stimme des Knappen war draußen deutlich zu hören, wie er stolz verkündete, dass es sein eigener edler Herr gewesen war, der die Prinzessin erlöst hatte. Die Wände füllten sich nach und nach mit raschelnden Rosenblüten und vom Burghof drangen aufgeregte Geräusche. Es war nur eine Frage der Zeit, bis das ehemals verwunschene Volk den Turm erklimmen würde, um den Retter ihrer Prinzessin zu feiern.

Also warf er mit der freien Hand den Umhang ab und legte sich zu ihr zwischen die seidigen Laken und zwischen ihre Schenkel, um Brüste mit Küssen zu bedecken und fragende Augen auch. «Es muss richtig sein» murmelte sie schließlich, als er schwer auf ihr lag und seine Vorfreude mit größter Selbstbeherrschung zu einem glänzenden Tropfen dehnte. «Du bist es, der mich erlöst hat und der mich heiraten wird, also kann es nicht falsch sein.»

«Nein.» sagte er und gönnte sich den einen, den machtvollen Stoß des ersten Eroberers, bevor er sich wieder daran erinnern wollte, wie rücksichtsvoll und gut erzogen er doch eigentlich war ... und dass ein Teil von ihm bereits liebte und sie bis in alle Ewigkeit zärtlich behüten wollte. «Nein, das werde ich nicht.» Sie hatte die Nägel tief in sein Schulterfleisch gegraben, aber keinen Laut von sich gegeben. Jetzt bewegte er sich vorsichtig und unerbittlich voll harter Liebe in ihr und er spürte, wie sie wieder zu schmelzen begann und sah, wie auch ihre Augen sich mit Feuchtigkeit füllten.

Doch sie zögerte nicht und sie fragte ihn auch nicht nach dem Warum. Ihre forschenden Finger pflückten seinen Geruch aus der Luft, fuhren über seine Schultern und seinen Hals, sammelten jede Sekunde auf mit dieser nun für lange Zeit schmerzenden neuen Haut. Er ahnte, sie würde diese Splitter des Augenblicks sorgfältig behüten, um Funken aus Träumen schlagen zu können - wann immer der Winter im unsterblichen Königreich der Rosen zu frostig wurde.

Sein eigener Orgasmus überflutete ihn wie ein Sternenschauer. Er konzentrierte sich auf das leise Nachbeben ihres Echos und blieb in ihr, so lange es ging. Dann aber löste er sich aus der schweigenden Umarmung und setzte sich – nunmehr wieder bekleidet - an den Bettrand, um eine halbwegs unversehrte Zigarette aus dem zerknautschten Päckchen in seiner Hosentasche zu ziehen und eine transparente Rauchwolke in Richtung Fenster zu pusten. «Warte, beweg dich nicht.» sprach er und reichte ihr das Tuch, in dem die Dorfbäckerin ihm am Morgen das frische Brot mitgegeben hatte. «Nimm das, sonst gibt es einen Blutfleck im Bett, und deine Amme wird das aus den unterschiedlichsten Gründen nicht sonderlich freuen.»

«Zu spät.» sagte sie sachlich mit der Stimme, die auch am anderen Ende der Ewigkeit noch als helles Echo gehört werden kann. Sie schlüpfte aus dem Bett und aus den Resten mürber Seide, die einmal ein Nachthemd gewesen waren. Dann zerrte sie ein mitternachtsblaues Samtkleid aus dem Einbauschrank, das die vergangenen Jahrzehnte erstaunlich gut überstanden hatte. Sie warf das Kleidchen hastig über und horchte: Im Treppenhaus des Turms hatten deutlich hörbar die Aufräumungsarbeiten begonnen, bald würden sicherlich die Diener des Hauses kommen, um eifrig ihre wachgeküsste Prinzessin zu begutachten.

Im Innenhof wieherte ein dunkler Hengst und sein Besitzer dehnte bei diesem fragenden Geräusch unwillkürlich die verspannten Nackenmuskeln, um sich für die nun unweigerlich nachfolgenden diplomatischen Abläufe und den langen einsamen Ritt in sein fernes Reich zu wappnen. Sie stand vor dem trüben Spiegel und berührte vorsichtig und allmählich begreifend ihren von der Liebe tief geröteten Mund. Ein verschlafener Schutzengel saß beschämt und schuldbewusst auf dem Rand der Nachtischschublade, in der er mit einiger Verspätung erwacht war, und baumelte unsicher mit den Beinen. Der lädierte Kanarienvogel räusperte sich und verkündete: «Nachtigall. Nicht Lerche. Nachtigall – nicht Lerche!» Die erblühte Morgendämmerung strafte ihn Lügen.

Die Unruhe im Treppenhaus verstärkte sich durch den Klang von Hufeisen auf den gesprungenen Fliesen. Der Rappe namens Midnight Oil hatte sich auf seinen Weg nach oben gemacht und erzeugte so parallel zum Klappern der Eisen auf Stein ein beachtlich hysterisches Kreischen der verschlafenen Hausmädchen, die sich eiligst aus dem Weg werfen mussten, um nicht zertreten zu werden. Der Aufruhr pflanzte sich deutlich hörbar von unten nach oben fort, während das Zimmer sich von Minute zu Minute verdunkelte, weil die blutroten Rosen an der Außenwand bis in den Himmel wuchsen. In der Zwischenzeit rüttelten zahlreiche forschende Hände vorsichtig von außen an der Penthouse-Tür und klopften endlich höflich, aber entschlossen an.

Das Mädchen sah den Fremden an. «Das Leben.» sagte sie. «Es ist kein Märchen.»

«Nein.» antwortete er. «Das ist es nicht.»


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