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Sie erwachte mit einem Schrei aus dem schneidend kalten Traum und riss sich schnaufend mit beiden Händen das Sleepshirt vom Leib, dessen Knöpfe dabei nach rechts und links von der Leiste absprangen, so heftig zerrte sie daran.

Das Gewicht auf ihrer Brust hatte sie sich nicht eingebildet: Befreit vom Stoff taumelte das kleine blaue Geschöpf weg von ihr und fiel kopfüber von der Bettkante. Schlug mit einem satten Klatschen (und der Stirn) auf und sammelte sich dann mühsam wieder. Watschelte langsam zum Stuhl, um darauf zu hopsen und vorsichtig die Stummelflügelchen zu strecken und zu testen, ob es sich verletzt hatte.

Dann bog es einen langen blauen Zeh nach vorne, kratzte sich damit hinter dem Ohr und sagte mit der Synchronstimme von Magnum alias Tom Selleck: »Guten Morgen. Die Knöpfe kann man ja wieder annähen, tut mir echt leid.«

»Wer bist du?« fragte sie fassungslos und zerrte die Decke über ihre frierenden Brustwarzen. »WAS bist du?«

Der Schlaf war ganz eindeutig vorbei und das kleine gnubbelige Wesen immer noch da. Mal abgesehen davon, dass es im Traum selbst gar nicht vorgekommen war. Würdevoll zwischen himmel- und mitternachtsblau schillernd saß es auf der Stuhlkante, wippte vor und zurück, betastete vorsichtig mit dem Zeigezeh die neugeborene Beule auf seiner geschuppten Stirn und erklärte mit der Stimme dieses Schauspielers, den sie noch nie gemocht hatte: »Ich bin der Drache.«

Sie begriff sofort. Gebt den inneren Konflikten und Gespenstern der Gegenwart und Vergangenheit ein Gesicht. hatte der Lehrer gestern im Kurs gesagt. Stellt sie euch als das vor, das euch in den Sinn kommt, wenn ihr euch damit auseinandersetzt.

»Aber ... « sagte sie. »Ich hatte dich mir anders vorgestellt.« Der dicke kleine blaue Drache seufzte tief und theatralisch und sagte mit der unsäglich sonoren deutschen Synchronstimme eines hawaiianischen Privatdetektivs: »Ja. Weiß ich. Groß und mächtig und furchteinflössend und feuerspeiend und mit riesigen Zähnen und Klauen und Krallen und so.«

Und unbezwingbar und quälend und magisch und muskelbepackt und männlich und dunkel und irgendwie unwiderstehlich und ... flugfähig, dachte sie, war aber zu höflich, es auszusprechen.

Was dort auf dem Stuhl saß, war knapp doppelt so schwer wie der verblüffte Kater, der soeben den geschuppten blauen Drachenschwanz auf die Nase bekommen hatte, als er eine Kratzprobe nehmen wollte. Schwer zu glauben, dass sie sich nun monatelang täglich mit etwas herumgequält hatte, das jetzt mit dem Zeh im linken Nasenloch popelte und dabei fast umfiel.

»Bist du denn sicher, dass du der richtige Drache bist« fragte sie vorsichtig. »Ich meine, es könnte ja sein, dass es eine Verwechslung gegeben hat. Deine Stimme ist ja auch irgendwie ...« Der Drache grunzte und streckte sich und saß dann plötzlich neben ihr auf dem Bett und wirkte deutlich größer als der Stuhl, von dem er sich gerade herübergeschwungen hatte. Unterstützt wurde dieser Eindruck durch das ächzende Nachgeben des Lattenrosts.

Aus der Nähe konnte sie schwarze Flammen in den scheinbaren Knopfaugen lodern sehen und bemerkte, dass er die Krallen vorsichtig eingezogen hatte, um weder das Bettzeug noch sie versehentlich zu zerfetzen. Er neigte den Kopf nah an sie heran (damit die Katze nicht mithören konnte, wie sie vermutete) und wisperte ihr ins Ohr, woran sie merken konnte, dass er der echte Drache war. Sie zuckte zusammen und wollte sich abwenden, doch er hielt sie vorsichtig mit einer Klaue fest und hörte nicht auf, ihr zu berichten, wann und wo sie sich begegnet waren und wieder begegnen würden.

Bei jedem Satz schien er zu wachsen, bis sie sich schließlich zwischen gigantischen Flügeln geborgen fand, die wie der Sternenhimmel um Mitternacht schimmerten, während der Kopf des großen Drachen gegen die Decke stieß. Eine Erinnerung reihte er an die andere wie schwarze und silberne Perlen auf eine Kette aus goldenem Mondlicht ... bis sie ihm an einer ganz bestimmten Stelle der Erzählung erschrocken die Hand aufs Maul legte, damit er doch lieber schwieg.

Da saß er nun und sah sie an. Und sie ihn. »Was mache ich nun mit dir?« fragte sie und bewunderte die Details der gigantischen Kralle, die zwischen ihren Oberschenkeln die Matratze zerfetzt hatte. Der Drache füllte inzwischen das Zimmer, der muskulöse Schuppenschwanz lag den Flur entlang bis in die Badewanne. Bequem für ihn sah das nicht aus. Aber er war ihr Drache und sie wusste, dass er nicht fortgehen würde oder konnte. Er schwieg. Wartete. Widerstand der Versuchung, sich im Nacken zu kratzen und dabei das Haus zu beschädigen.

Sie wusste, was zu tun war. Hatte es von Anfang an gewusst und nur nicht wahrhaben wollen. »Drachen brauchen Feuer und Wärme und Heimat.« sagte sie. »Es war so schön, dich gesehen ... und erkannt zu haben. Aber jetzt musst du zurück dorthin, woher du gekommen bist.« Sie schloss die Augen, weil sie ihn so unbezwingbar in Erinnerung behalten wollte, wie er wirklich war.

Dann öffnete sie ihr Herz.


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