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»Drei«, sagte der Fee. »Drei müssen reichen. Es ist das neue Reward & Recognition Programm – Erinnerungen konservieren statt Wünsche erfüllen. Weniger aufwändig, für größere Zielgruppen eben.« Er zwirbelte sich eine chic widerspenstige Haarsträhne hinters Ohr und zuckte dann mehrfach mit dem rechten Flügel, um die Sitzknitter daraus zu entfernen. Wartete geduldig. Mehr oder weniger geduldig. Termine drängten. Doch Erinnerungen wollten mit Bedacht ausgesucht werden.

Sie nickte. Schloss die Augen. Und wählte ohne Zögern.

»Eins. Der erste Kuss. Als die Welt schmolz, versank und neu entstand. Haut ihre Heimat fand.«

Der Fee verkniff sich ob der Banalität dieses Wunsches aufs Mühsamste den Gesichtsausdruck eines Himmelsboten, der zur Inhalation von Heimatfilmen genötigt wird. Öffnete eine Hand und fing die herumschwirrende bernsteingolden glühende Erinnerung vorsichtig ein. Aus der Nähe sah sie nicht wie jede beliebige romantische Reliquie aus, unter den Narben und verheilten Schnitten schlug unermüdlich ein eigener Puls.

»Zwei. Abschied. Das Gefühl von Ewigkeit und Leben. Als das Universum sich schmerzhaft weit öffnete und doch alles richtig genau so war, wie es mir das Herz in Fetzen riss.«

Eine Zehntelsekunde lang dachte der Fee, er hätte eine kleine Seele lächeln hören. Behutsam pflückte er die dunkelrot blutende Lava mit zwei Fingern aus der Luft, um sie zwischen seinen Flügelspitzen zu bergen. »Einer noch«, sagte er und fand selbst, dass er sich merkwürdig anhörte dabei.

Sie knetete verlegen ihre Finger ineinander. »Also ... bevor ich ... kann ich dazu noch etwas sagen?« Der Fee war sich nicht sicher, ob er nun genervt war oder nicht und nickte vorsichtshalber nur.

Sie fuhr fort: »Man verwahrt einzigartige Momente und ich weiß, da gibt es sehr viele, die ... bedeutsam wären. Der erste Orgasmus, oder Augenblicke tiefer Freundschaft, oder Gefühle aus der Kindheit anlässlich besonderer Momente und so. Trotzdem möchte ich ... «

Der Fee begriff, dass es sich um ein längeres analytisches Gespräch handeln könnte, wenn er nicht rasch reagierte.

»Nicht doch, mein Liebes. Du kannst alles archivieren, was dir am Herzen liegt. Es geht nicht darum, was andere wichtig finden würden oder ob man damit einen Coolness-Wettbewerb gewinnen würde. Wähl du nur aus, was dein Herz dir sagt und ich sorge dafür, dass weder Alter noch Sorgen noch Einsamkeit noch Krankheit es dir jemals wegnehmen können. So funktioniert das. Nur so.«

Ein Versprechen von Ewigkeit durchquerte den Raum wie ein Sonnenstrahl und der Fee wusste, dass der Klumpen funkelnder Sternenstaub auf seiner Handfläche die dritte Erinnerung war, die sich soeben von selbst zu den beiden anderen gesellte.

»Drei. Der hauchfein geschnittene unkontrollierbare Moment der Sehnsucht in seinem Gesicht, als ich zufällig meine Lippen berührte.«




***
Der Fee wurde später in die Verwaltung strafversetzt, weil er an jenem Tag alle weiteren Termine platzen ließ, mit der Erinnerungskundin stundenlang romantische Geschichten erzählte, sie zusammen mehrere Packungen Taschentücher vollschluchzten, Tonnen von Champagnertrüffeln und weißer Schokolade futterten und obendrein auch noch ohne Rückmeldung an die Wunschzentrale in die Mitternachtsvorstellung von Casablanca gingen.


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