Katzenfrau.de Kurzgeschichten und Märchen

Selbst als stiller Beobachter hat man reichlich zu lesen und bekommt einen amüsanten Einblick in die zwischenmenschlichen Qualitäten der lieben Mit-User des Internets, die sich necken, lieben oder hassen. Sobald es dabei um die Verletzung von Persönlichkeitsrechten oder gar um virtuelle Körperverletzung geht, ist der Spaß allerdings vorbei.

Sophie (Name geändert) hat immer gerne “gechattet”. Noch vor kurzem hat sie mit vor Begeisterung geröteten Wangen von dem Kick erzählt, den es ihr gibt, wildfremde Menschen im virtuellen Raum zu treffen und sich mit ihnen zu unterhalten. Heute aber ist sie nervös, drückt hektisch eine halbgerauchte Zigarette nach der anderen aus und wirkt bedrückt.

Sophie ist das Opfer einer Verleumdungskampagne - ein Mann in ihrem Lieblings-Chat erzählt intime Details einer sexuellen Beziehung mit Sophie, die es nie gegeben hat. “Er hat mich immerzu angebaggert, aber der war einfach nicht mein Fall und das habe ich ihm auch sehr bestimmt zu verstehen gegeben. Auch auf einem Usertreffen wollte er dann was von mir, ich war aber nicht interessiert. Und jetzt behauptet er, dass wir uns seitdem mehrmals zum Sex getroffen haben und stellt mich als eine Art Nymphomanin dar.”

Auf die Frage hin, ob die anderen Teilnehmer im Chat dem Mann denn überhaupt glauben, zuckt sie die Schultern. “Ich weiß es nicht. Einige bestimmt.”

Weil es für Sophie einen wichtigen Teil ihrer Freizeit ausmacht, sich mit Bekannten online zu treffen, belasten diese Behauptungen sie sehr und es verunsichert sie, dass andere Teilnehmer in ihrem Stamm-Chat trotz ihrer gegenteiligen Beteuerungen die Lügen anscheinend vorbehaltlos glauben. Sophie wird schon seit mehreren Wochen anhaltend gemobbt, und es geht ihr gar nicht gut dabei.

Mobbing online

Mobbing, dieses Wort kommt aus dem Amerikanischen und bedeutet in der Übersetzung so etwas wie “Anpöbeln”. Im allgemeinen wird der Ausdruck Mobbing benutzt, um rauer gewordene Bedingungen am Arbeitsplatz zu bezeichnen - einen Chef mit einer negativen Strukturierung der Führungspersönlichkeit, intrigante Atmosphäre unter Kollegen oder menschenunwürdige Arbeitsbedingungen.

Im Internet aber steht Mobbing für die kontinuierliche, geplante Belästigung einer Person durch einen Einzelnen oder eine Gruppe. Am Anfang gibt es meist einen harmlosen Konflikt, wie er bei der virtuellen Kommunikation unvermeidbar und teilweise auch notwendig ist.

Die meisten “reibungsintensiveren” Begegnungen werden von den Usern geklärt und können dadurch zu besserem gegenseitigen Verständnis oder zur positiven Veränderung von Einstellungen beitragen.

Wenn sich so eine Meinungsverschiedenheit aber nur schlecht oder gar nicht klären lässt, entsteht oft ein erbitterter Schlagabtausch. Die Ursachen sind vielfältig, auch wenn sich auffällig viele abgewiesene liebeshungrige männliche User unter den Tätern finden. Neid kann aber ebenso ein Auslöser sein wie auch Minderwertigkeitsgefühle und deren Überkompensation; in Usergruppen bildet sich oft eine Sündenbockmentalität und jemand wird systematisch von der Gemeinschaft angegriffen und ausgegrenzt, oft auch nur aufgrund von Vorurteilen.

Rufmord und Mailterror

Wenn eine Person zur Zielscheibe wird, können die Mobbing-Attacken, die von einem oder mehreren Tätern häufig und regelmässig kommen, von ganz unterschiedlicher Wirkung sein. Der ursprüngliche Auslöser ist schnell vergessen, die aggressive Verhaltensweise hält an.

Das gezielte Verbreiten von Lügen über eine Person ist nur eine von vielen typischen Aktionen. Oft werden persönliche Schwachpunkte gesucht und öffentlich gemacht, eine Person wird wiederholt ins Lächerliche gezogen und bewusst demontiert, ja schließlich mundtot gemacht. Je nach Hartnäckigkeit und Überzeugungskraft der Auslösenden intrigieren oft ganze Usergruppen gemeinsam. Telefonterror, Drohungen, Rufmord, Mailbomben und das Belästigen der Gemobbten an ihren virtuellen Stammplätzen sind leider keine Seltenheit, einige Mobber folgen der verhassten Person online auf Schritt und Tritt und es ist schwer zu sagen, was sie mehr in Rage versetzt: Ignoriert werden oder Reaktionen erzeugen.

Ganz extrem der Fall eines Pharmareferenten aus Bonn, der aus Bildern des Opfers nicht nur pornographische Fotomontagen erstellte und diese im Internet publizierte, sondern die von Schmähungen begleitete Website sogar dreist dem Arbeitgeber des weiblichen Opfers für das firmeneigene Intranet anbot - während er sich selbst, wie viele Cyperstalker es tun, der Web-Öffentlichkeit gegenüber als bemitleidenswertes Mobbing-Opfer bezeichnete. Dieser Mann ließ sich nur durch rechtliche Schritte wieder in seine Schranken weisen.

Cyberjunkies trifft Mobbing härter

Wie eine betroffene Person solche Vorfälle wie eine virtuelle Rufmordkampagne oder den Angriff einer Gruppe von Mobbern verkraftet, hängt sehr davon ab, wie wichtig die Nutzung des Internets für diesen Menschen ist und welchen sozialen Stellenwert es für ihn einnimmt. Eine derartig gezielte Attacke wird jemanden sehr viel härter treffen, der sich oft und viel online aufhält und einen guten Ruf unter anderen Usern genießt, als den Gelegenheitssurfer, der eher zufällig in einen Streit verwickelt wurde.

Wenn sich jemand aber schwer betroffen fühlt, ähneln die Symptome durchaus denen, die Mobbing-Opfer im Arbeitsalltag durchleben. Identitäts- und Selbstwertkrisen, Erschöpfungs- und Angstzustände und ein anhaltend depressives oder ängstliches Lebensgefühl können die Folge sein, ebenso wie zahlreiche psychosomatische Beschwerden. Es fällt dem Opfer schwer, sich von der Online-Welt und dem ausgeübten Druck abzuwenden, weil es dann das Gefühl hat, weitere Sozialkontakte zu gefährden.

Pause vom Internet

Abstand zum Internet und eine längere Erholungsphase, um sich auch innerlich gegen die Belästigung abzugrenzen, sind aber die einzige Möglichkeit. Für Mobbing gibt es keine Lösung im Sinne einer Bereinigung und Klärung. Wenn Mobbing erst einmal angefangen hat, ist der Grund, warum es entstanden ist, für den weiteren Verlauf ohne Bedeutung.

Im Laufe eines Mobbing-Prozesses werden nach und nach all die Dinge zerstört, die normalerweise bei der Bewältigung eines solchen Drucks helfen: Ein gutes Selbstvertrauen, Anerkennung, Einflussmöglichkeiten, soziale Unterstützung durch andere. Menschen, die unter solchem Druck stehen, geben diesen nach außen ab und laufen Gefahr, von Unbeteiligten nicht nur nicht verstanden, sondern ebenfalls als “negativ” empfunden zu werden.

In eine intensive Mobbing-Situation zu geraten, das ist vergleichbar mit einer schweren Krise wie einer Vergewaltigung oder einer massiven körperlichen Bedrohung. Es ist dann sehr wichtig, seine Kraftreserven nicht online in einen Kampf zu investieren, den man nicht gewinnen kann. Man muss sich ins Gedächtnis zurückrufen, dass am anderen Ende der Telefonleitung zwar andere Personen sitzen, man diese aber durch ein Ausschalten des Computers aus seinem Leben ausblenden kann.

Anonyme Angriffe sind einfach

Menschen, die in ihrer Kommunikation durch die räumliche Trennung der Datennetze geschützt sind, werden bei diesen Kontakten offensichtlich viel schneller zu provokativen Handlungen verleitet als im Alltag, wo sie dem Gegenüber ins Gesicht sehen müssen. Vorurteile und die Möglichkeit, Charakterzüge auszuleben, die sonst durch die sozialen Umstände blockiert werden, tun ihr Übriges und vereinfachen es, andere User verletzend anzugreifen.

“Sophie” wird lernen müssen, damit zu leben, dass einige ihrer Online-Bekannten ihrem aufdringlichen Verehrer die intimen Geschichten über sie glauben. Entweder geht sie mit einem spöttischen Schulterzucken darüber hinweg “Das hätte der wohl gern”, um wiederum seine Glaubwürdigkeit demonstrativ in Frage zu stellen … oder sie wechselt den Chat, sucht sich einen neuen Bekanntenkreis.
Onliner sind ein seltsames Völkchen. Jeder, der die Kommunikation in Foren, Chats, Newsgroups oder Mailinglisten als Hobby betreibt, ist schon mal auf einen fanatischen Besserwisser oder einen bis an die Grenze der Hysterie hilfsbereiten Menschen getroffen und musste erfahren, dass es manchmal schwierig wird, sich nicht in eine Meinungsverschiedenheit verwickeln zu lassen.

Es ist leider nicht sehr wahrscheinlich, dass dieser Mann sie je in Ruhe lassen wird, wenn sie ihm online begegnet. Tröstlich ist für Sophie vor allem der Gedanke, dass sie mit diesem Problem nicht alleine steht und die Vorfälle auch nicht verschuldet hat, sondern eins von vielen Mobbingopfern ist - und die Anzahl wird mit der zu erwartenden Userschwemme der nächsten Jahre sicherlich genauso wenig sinken wie die Anzahl der Mobbingopfer in der Berufswelt mit zunehmend schlechterer Arbeitslage.

Carola Heine, Juni 1998 - im Dezember 1999 erneut veröffentlicht in dem Buch »Der E-Mail-Kompass« von Hans-Peter Förster.


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