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Glühendweiße Nächte

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Da war einmal ein dunkelhaariges kleines Monsterchen, das hatte furchtbar schlechte Laune. Jetzt musst Du aber nicht denken, dass Monster immer schlecht gelaunt sind, nur weil sie Monster sind. Das ist nämlich gar nicht wahr. Viele gefährliche und finster aussehende Ungeheuer sind gerne fröhlich, erzählen sich Witze und essen dabei tütenweise Gummibärchen.

Aber dieses kleine Monsterchen hatte dazu keine Lust. Es sass in seinem Zimmer und wollte gar nichts machen. Es mochte nicht lachen und auch keine Witze erzählen. Und obwohl es eigentlich besonders gerne Gummibärchen futterte, wollte das kleine Monster keine haben. Nicht mal die hellgrünen, die so lecker sind und von denen man ganz schlau wird, weil sie viel Gelatine und Vitamine und andere Sachen mit -ine enthalten.

“Jennifer”, sagte die Mama, “nun komm’ schon aus Deinem Zimmer. Das Wetter ist so schön und Du hockst hier drinnen, Du musst doch mal an die frische Luft.” Das Monsterchen schüttelte den Kopf, es hatte keine Lust. Echte Monster brauchen keine frische Luft. Die brauchen auch keine Jacke, wenn es windig ist und keine Mütze, wenn es schneit. Echte Monster haben ein feines Leben, sie machen nur, was sie wollen und gehen nie in die Sonne, wenn sie schlechte Laune haben. Und sie essen nur Gummibärchen mit Pommes und trinken nur ganz viel leckeren Hustensaft, der nach Lakritze schmeckt. Deswegen hörte das kleine Monster jetzt auch gar nicht hin, im Gegenteil. Es machte fest die Augen zu und summte leise ein kleines Monsterlied. Wenn man ganz ganz fest an etwas monstermässiges dachte, gingen alle Erwachsenen von selbst weg, auf den Mond oder ins Wohnzimmer.

Die Mama seufzte. “Nun ist es aber genug. Was ist denn nur los mit dir? Den ganzen Tag bist du schon muffelig!” Gar nicht wahr, dachte das kleine Monsterchen, heute morgen war ich fünf Minuten lang gaaaaaaanz gut gelaunt. Und dann tat es so, als müsste es aufs Klo. Das kleine Monster hatte sich nämlich überlegt: Wenn ich jetzt ins Badezimmer gehe, hat sie mich schnell vergessen. Dann kann ich wieder in mein Zimmer zurück und in Ruhe schlechte Laune haben. Also rutschte es vom Bett runter und marschierte geradeaus ins Bad, machte die Tür zu und stellte sich vor den Spiegel. Die Mama kam natürlich nicht hinterher. Das Monsterchen und die Mama hatten eine Abmachung: Wenn Du mich im Badezimmer alleine lässt, lasse ich Dich auch ungestört aufs Klo gehen.

Monster müssen regelmässig üben, wenn sie richtig gut in ihrem Job werden wollen. Man muss böse gucken können, richtig gemein muss man aussehen. Und man muss die Augenbrauchen ganz hochziehen können und dann mit ganz doofer Stimme sagen “Ich kannte Dich schon, da warst Du noch sooooo klein” und “Meine Güte, bist Duuuuu gross geworden!” Wahrscheinlich müssen nur die ganz ekeligen Monster so schleimige Küsschen geben, dachte das kleine Monsterchen und malte mit Zahnpasta ein grosses M für MONSTER auf den Spiegel. Dafür bin ich wohl noch zu klein, ich bin mehr so ein Zunge-Rausstrecken-Monster. Vielleicht bleibe ich auch klein, dann muss ich überhaupt niemals niemanden küssen.

Das M aus Zahnpasta rutschte langsam an der Spiegelscheibe runter und machte dolle rot-weisse Streifen. Das kleine Monsterchen sagte zu dem Spiegel “Jennifer, was soll die Schweinerei? Mach das sofort wieder weg, ich bin doch nicht Deine Putzfrau!” Der Spiegel sagte gar nichts. Das kleine Monster überlegte und nahm dann einen Lappen, um den Spiegel wieder sauberzumachen. Das war gar nicht so einfach. Man musste dazu die Zunge einklemmen und die Luft anhalten, sonst klappte es nicht und auf dem Glas gab es komische Streifen. Ausserdem war es viel einfacher gewesen, mit Zahnpasta zu malen, als sie wieder wegzumachen. Das Monsterchen kam richtig ins Schnaufen. Es krabbelte mit dem Po auf den Waschbeckenrand, weil es sonst nicht gross genug war. Und da passierte es.

SPLITSCH sagte die Flasche mit dem rosa Parfüm, als sie auf den Boden fiel. Eigentlich hätte das kleine Monster ja gedacht, dass eine so schöne grosse Flasche PENG machte oder BUMM oder sowas, wenn sie hinfiel, aber es war nur ein leises SPLITSCH. Und auf einmal roch es wunderschön im Badezimmer, aber dem Monsterchen war sehr elend zumute. Es war gar nicht mehr schlecht gelaunt. Nur noch ganz klein und es hatte Angst. Die Mama hatte gesagt “Wenn etwas passiert, musst Du es mir sagen. Lügen ist nicht gut, die Lügen sitzen in Deinem Bauch und drücken Dich.” Auf sowas hatte das kleine Monster echt keine Lust. Da sagte es lieber die Wahrheit, auch wenn das ganz schön gruselig war.

“Mama?” Die Mama hatte das Monsterchen schon wieder vergessen, sie war in die Küche zurückgegangen. “Mamaaaaaaa?” Jetzt war das kleine Monster nicht mehr im Zimmer, aber das war wohl auch nicht gut? Erwachsenen konnte man es sowieso nie recht machen. “Was denn?” fragte die Mama ungeduldig. Das Monsterchen überlegte. Dann schrie es ganz laut “Die grosse Duftflasche ist kaputt und es ist meine Schuld und ich geh schon mal in mein Zimmer! Weil ich krieg ja sowieso jetzt Hausarrest!” und rannte in sein Zimmer und schmiss sich auf das Monsterbett. Dann zählte es die Flecken an der Decke durch, es waren 17 und ein kleiner. Das kleine Monster wusste genau, wieviele Flecken das waren. Aber wenn es Angst hatte wie jetzt, zählte es vorsichtshalber immer noch mal nach.

Was wohl mit kleinen Monstern passiert, die ganz lange Hausarrest haben? Das kleine Monster überlegte, ob die Kinder aus der Strasse draussen auf dem Spielplatz waren. Die Mama kam ins Zimmer und das Monsterchen guckte schnell ganz traurig. “Na Jennifer, wie ist das denn passiert?” Eigentlich wollte das kleine Monster sagen “Ich wollte den Spiegel saubermachen und da bin ich mit dem Arm an die Flasche gekommen”. Aber als das Monsterchen den Mund aufmachte, kam ganz von selbst was ganz anderes heraus. “Die blöde Erwachsenenflasche stand vor dem blöden Erwachsenenspiegel und ist runtergefallen, als ich mein Monstergesicht geübt habe! Ich will nämlich kein blöder Erwachsener werden, ich werde ein MONSTER!”

So. Jetzt hatte das kleine Monster das grosse Geheimnis verraten. So ein Mist. Bestimmt würde die Mama jetzt sofort mit dem Monsterchen zum Arzt fahren und eine Spritze gegen Monsterei besorgen. Ihr Mund zuckte schon so komisch, als ob sie sofort sowas sagen wollte. Das kleine Monster hatte sooooo lange heimlich geübt, fast fünf Tage. Alles umsonst!

Komisch war nur, dass die Mama gar nichts sagte. Sie setzte sich auf den Bettrand und schaute sich die Monster-Spezialausrüstung an. Echte Monster tragen Socken mit ganz grossen Löchern und kritzeln ihre Lieblingsjeans mit geheimnisvollen Monsterzeichen zu. Ausserdem malen sie wichtige Berichte über das Monsterleben in ein Monsterheft und zwar nur mit grünen Stiften. Das lag alles auf dem Monsterbett herum und die Mama schaute es sich an. Das Monsterchen wusste nicht, was das sollte. Aber es merkte ganz stark, dass es schon wieder total schlecht gelaunt wurde.

“Hör mal, kleines Monster”, sagte die Mama. “Wenn Du mir versprichst, dass Du es mir wie heute immer erzählst, wenn Du etwas angestellt hast, dann kannst Du gerne ein Monster werden.” Das Monsterchen meinte “Das geht aber nur geheim.” und guckte bockig. Aber innen drin war das kleine Monster sehr sehr froh. “Kein Problem”, meinte die Mama, “ich habe es schon fast vergessen. Am schnellsten könnte ich es wohl vergessen, wenn ich wüsste, dass Du ein bisschen draussen an der frischen Luft bist. Das wäre nicht typisch für ein Monster und ich würde bestimmt gar nicht mehr dran denken. Ausserdem kann ich dann in aller Ruhe den Gestank im Bad wegputzen. Oder willst Du das machen?” Neee, das wollte das kleine Monster nicht. Es schnappte seine Jacke und rannte los.

Vielleicht waren ja doch nicht alle Erwachsenen doof. Mama zum Beispiel war ganz OK. Hoffentlich waren die anderen Kinder noch auf dem Spielplatz. Bei dem schönen Wetter!


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