Katzenfrau.de Kurzgeschichten und Märchen

Der Mann in meinem Leben war ein Katzenliebhaber. Mit leuchtenden Augen sprach er davon, wie fasziniert er von der Unberechenbarkeit und unendlichen Zärtlichkeit der geschmeidigen Gefährten war und verstummte dann stets mit einem sehnsüchtigen Gesichtsausdruck.

Ich wiederum war fasziniert von seiner Unberechenbarkeit und Zärtlichkeit. Ganz und gar keine folgsame und unkomplizierte Gefährtin, durchquerte ich rastlos seine Umgebung und zog mich gerne auf einen Punkt knapp außerhalb seiner Reichweite zurück, um ihn still zu beobachten und um zu überlegen.

Eine Katze ... vielmehr einen Kater wünschte er sich. Verpflichtung, Verantwortung und ein Katzenklo. Nie mehr spontaner Urlaub, dafür zerkratzte Möbel und Hände. Eine Katze? In meinem Revier? (Und was, wenn ich ungestört sein wollte? Katzen werden alt.)

Vielleicht eine kleine, aprikosenfarbene, so ein kleiner roter Marmeladenkater. Was sind schon fünfzehn Jahre Dosenöffnen gegen seinen Gesichtsausdruck, wenn er endlich seinen Kater bekommt. Und einem Kater in der Farbe von Aprikosenkonfitüre kann man schlecht widerstehen. Auch ich nicht.


Es war nicht die richtige Jahreszeit und ich dachte schon, es gäbe überhaupt keine jungen Katzen mehr in Düsseldorf, die ein neues Heim suchten. Bekannte von Freunden der Nachbarn gaben mir schließlich eine Telefonnummer und so stapfte ich fünf steile Treppen in einem engen Mietshaus hoch, um vier kleine Kätzchen in Augenschein zu nehmen, die angeblich noch zu haben waren.

Verblüfft sank ich in einen Sessel, umwuselt von sechs Flauschbällen und zwei äußerst bösartig dreinschauenden Bauernhof-Rabauken und erfuhr von den strahlenden Besitzern, sie hätten eben jeder schon zwei Katzen gehabt, als sie sich kennenlernten und ‘er’ würde eben züchten. Aber jetzt bekamen sie selbst Nachwuchs und es wurde Zeit, daß ein paar der persisch-königlichen Thronfolger die Zweizimmerwohnung verliessen.

Damals konnte man mich noch zum Verstummen bringen mit der Aussicht auf vier Katzen und ein Kind in ein und derselben Beziehung und ich lernte jetzt erst einmal, daß es auch Perserkatzen mit einem nicht so furchtbar platten Gesicht gibt. Der dunkelrote Bauernhofkater hatte mich schon zweimal gekratzt.

Während ich eine Menge unwichtige Dinge über Stammbäume und Zuchtvorschriften lernte, krabbelte ein sahnefarbenes Wollknäuel unter meinen Pullover. Ganz, ganz vorsichtig und mit eingezogenen Krallen. Dort brummte es leise, aber konstant. Die anderen drei zerlegten in der Zwischenzeit meine Handtasche und rasten in einem Höllentempo über Tisch und Bänke, präsentierten sich auf dem Couchtisch und nahmen sich hin und wieder die Zeit, den Kopf an meiner suchend ausgestreckten Hand zu reiben. “Ich suche eigentlich einen Kater” sagte ich zögernd, nachdem ich erfuhr, daß ich mit Jeanny, Kyra und einem weiteren Wuschelmädchen spielte.

“Den müssen wir erst suchen”, meinte der stolze Katzenvater, “er ist ganz furchtbar schüchtern und bei Besuch kriegt man ihn nie zu sehen.” Langsam und so einfühlsam wie möglich holte ich den kleinen warmen Fellball aus meinem Pullover und sonnte mich in dem Anblick zweier fassungsloser Gesichter. “Den möchte ich gerne.” sagte ich. Und nicht mal der Schock über den stolzen Preis konnte mich davon abhalten, Nandi von Chera sofort und direkt mit nach Hause zu nehmen. Bei einer Katze, die fast einen Tausender kostet, muß auch schon mal eine Dose Futter und eine Tüte Katzenstreu im Preis enthalten sein. Fand ich.

“Da ist noch was”, sagte der Züchter, der offensichtlich schon ekelige Menschen kennengelernt hatte. “Er wird nicht so cremefarben bleiben. Später wird er lohfarben mit einem roten Rücken sein.”

“Wie Aprikosenmarmelade.” meinte ich und fühlte nach dem Bündel Glück, das erstaunlicherweise immer noch schnurrte und dies auch im Auto und im Fahrstuhl noch tun würde.

“Ja, genau.” Er war ein wenig erstaunt. Am nächsten Abend würde er noch erstaunter sein, dann nämlich, wenn ich zurückkommen und Jeanny von Chera kaufen würde, weil Nandi nachts geweint hatte. Beklagen würde er sich allerdings nicht, der Katzenliebhaber, der teure Perser mit einem runden und wunderschönen kleinen Löwengesicht züchtete. Nandi öffnete seine goldenen Augen und reckte sich zu seiner ganzen Länge von damals 32 Zentimetern, um ganz sanft eine Pfote auf meine Wange zu legen.

‘Du bist es’, sagte er mir unmissverständlich und sehr zufrieden - er hatte mich gut ausgesucht. Mit demselben Urvertrauen sollte er später den Tierarzt verblüffen, weil er sich in meine Arme flüchtete, obwohl ich ihn doch der Spritze hingehalten hatte.

Ich hatte anfangs keine Ahnung von Katzen. Nandi hat Broccoli gegessen, wurde mit Kamillenshampoo gewaschen und durfte immer bis Mitternacht fernsehen. Er liebt mich. Und ich habe ihn nicht enttäuscht. Als er sich alleine fühlte, habe ich seine Schwester gekauft, die mir anderthalb Jahre lang jeden Tag in die Schuhe pinkelte, weil sie ihn liebte, mich aber zufällig hasste.

Ich habe einen weiteren Kater gekauft, damit seine Schwester froh war und noch eine Katze, weil dieser Kater am liebsten mit Katzenmädchen spielte und die Schwester von Nandi irgendwann in eine bessere Gegend zog, wo sie täglich mit Tatar gefüttert und fett wie ein Hängebauchschwein wurde.

Aber Nandi hatte immer einen Kumpel, denn er ist nicht gern alleine. Wenn er krank war, habe ich ihn im Arm gehalten. Wenn er nachts jammert, ziehe ich mir ein Kissen über den Kopf, und wenn er in die Badewanne fällt, darf er mich kratzen - denn ich hätte ja die Türe schliessen können, wenn ich schon bade.

Und auch wenn er das hübscheste kleine Löwengesicht der Welt hat, habe ich ihn nie auf diese widerliche vermenschlichte Weise abgeknutscht, mit der manche Menschen ihre Tiere direkt auf die Schnauze küssen.

Ach ja: Ich habe Nandi nie verschenkt. Als der Mann in meinem damaligen Leben nach Hause kam und begeistert ausrief “Du hast mir eine Katze gekauft!”, schoss Nandi entsetzt in meine Arme und ich sagte: “Nein! Deine holen wir morgen. Nandi fühlt sich nämlich alleine.”

Und das ging ja nun wirklich nicht.

*


(Siehe auch: Der Abschied.)


Frauen und andere Katzen
Frauen und andere Katzen.

Kurzgeschichten, Märchen und erotische Erzählungen.

Taschenbuch mit Geschichten, die zum Teil auf katzenfrau.de veröffentlicht wurden.
(6,60 Euro - 104 S., online bestellen)