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Gestern abend habe ich mir eine Kerze ins Ohr gesteckt und diese dann auch angezündet, und zwar in der Absicht, meinen Gehörgang vorübergehend in einen improvisierten Kamin umzuwandeln.

Na gut. Ich fang noch mal von vorne an. Es geht die Legende, dass die Ohrenkerzen der Hopi-Indianer eine Möglichkeit sind, den inneren Gehörgang zu reinigen und das Wohlbefinden zu steigern, besser zu schlafen und so weiter. Nun bin ich für Blödsinn ja immer zu haben. Ich habe zum Beispiel auch ohne Widerworte meiner Mutter das von ihr gewünschte Reiki-Buch besorgt. Worüber ich froh bin. Nicht über das Buch oder Reiki, sondern über die fehlenden Widerworte, denn im Nachhinein hat sich herausgestellt, dass sie bloss mitreden wollte, weil die anderen so seltsames Zeugs faselten. Meine Feng Shui Ecke oben links liegt auch vorsichtshalber voller Katzen. Mehr weiß ich nicht, nur dass die Ecke oben links wichtig ist, da bin ich mir durch flüchtiges unvermeidbares Mithören ganz sicher - und was Besseres als eine entspannte Katze kann man an einen strategisch bedeutsamen Wohlfühlpunkt kaum legen.

Man könnte also nicht wirklich behaupten, dass ich ganzheitlichen Heil- und anderen Methoden gegenüber aufgeschlossen oder besonders verschlossen bin. Sie passieren oder auch nicht, und meistens nicht mir. Aber sich eine Kerze ins Ohr stecken und die dann abfackeln, das ist so bescheuert, das MUSSTE ich probieren.

Also habe ich mir [Hopi-Ohrenkerzen] gekauft und prompt sofort nach dem Bestätigen der Bestellung einen Artikel gefunden, der vor den haarsträubenden gesundheitlichen Risiken warnt. Vorher gab’s natürlich nur Lobpreisungen. Na, auch egal. No risk, no life. Gestern sind sie dann gekommmen. Die Kerzen sind aus einem hellen orangefarbenen Wachs und einfach nur ca. 23 cm lange hohle Stangen. Unten ist ein kleines Gitterchen im Rohr, damit soll herabtropfendes Wachs vom Eindringen ins Ohr abgehalten werden. Hmmm.

Die Wirkung besteht wohl aus der Mischung von Wärme und Unterdruck und die Kerzen sollen beim Entspannen helfen, bei Ohrgeräuschen und das Ohr auch tiefenreinigen. Oliver hat von den Hopi-Indianern wahrscheinlich vor allem gelernt, einen unbeweglichen Gesichtsausdruck zu bewahren, ganz egal, was die bekloppte Squaw gerade anstellt. Er war so freundlich, die brennende Kerze in meinem Ohr im Auge und einigermassen senkrecht zu halten. Angezündet hat er sie auch.

Natürlich stand auf der Bedienungsanleitung nicht, dass durch die Röhrchenform der Kerze das Knacken des Feuerzeugs wie ein Kanonenschall das Innenohr erreicht. Man hat auch verschwiegen, dass brennende hohle Kerzen ein verdammt lautes Knistern von sich geben, wenn man sie zufällig im Ohr stecken hat. Gewarnt hat mich auch keiner, was vermutlich daran liegt, dass ich (noch?) keine Leute kenne, die sich brennende ... Ja, ich weiß. Schon gut.

Also: Von Wohlbefinden während des Brennvorgangs habe ich nichts gespürt. Das Ohr wurde ein bisschen warm und die Kerze brannte schneller ab als innerhalb von 15 Minuten. Häuptling Schweigender Hopi hatte allerdings die kritische Marke von 6 cm vor dem übrigens schmerzhaften Eindrehen ins Ohr mit einem Edding gesetzt, so dass die ca. 7 cm hohe (!) Flamme nie zu nah an den Kopf kam. Anschliessend haben wir die Kerzen der Länge nach aufgeschnitten: Sehr enttäuschend. Keine schwarzen Schlacken, fehlgeleiteten Popel oder gruselig gefärbten Ohrschmalzbrocken. Entweder habe ich sehr saubere Ohren oder die Kerzen waren defekt?

Damit war das Experiment für mich beendet. Ich hätte auch nicht weiter daran gedacht ... wenn ich nicht eine Stunde später auf einmal einen ziehenden Kopfschmerz frontal bekommen hätte. Dann gab es ein leichtes Knacken und ich konnte spüren, wie sich der Schleim aus den Nasennebenhöhlen löste. Die Nase fing an zu tropfen und ich spürte es in der Schädelhöhle «arbeiten». Entweder habe ich irgendwas gesundheitlich völlig Bedenkliches getan ... oder es stimmt, den wohltuenden Effekt im Nachhinein habe ich mir nicht eingebildet und Ohrenkerzen werden ab jetzt beim nächsten Schnupfen systematisch eingesetzt.

Na ja. Oder Kamillendampfbäder.


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