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Es war einmal ein Prinz, der wollte eine Prinzessin heiraten, aber eine wahre und wirkliche Prinzessin sollte es sein. Er suchte im gesamten World Wide Web nach einer echten Adeligen, doch bei jeder fehlte etwas. Prinzessinnen gab es genug, aber ob es wahre Prinzessinnen waren, das konnte er nie herausfinden. Auch in seiner Mailbox trafen Angebote ein und viele Stunden verbrachte er mit dem Sortieren und Anklicken der unterschiedlichsten Damen. Doch immer war da etwas, das ihm nicht ganz hundertprozentig schien. Also hörte er auf, mit Google zu suchen und war traurig, denn er wollte doch gerne eine wirkliche Prinzessin haben.

Eines Abends blitzte und donnerte es draußen vor dem Fenster und ein furchtbares Unwetter hielt ihn vom Joggen ab. Da surfte er ein weiteres Mal in die Tiefen des Webs und erforschte, wenn auch ohne nach einer Prinzessin zu suchen, die Kommentare und Foren auf fremden Webseiten. In den zahllosen Datenströmen und vielfältigen Diskussionen antwortete ihm ein Mädchen und teilte ihm ohne Umweg mit, dass sie eine wahre Prinzessin sei.

Der Prinz saß vor dem Monitor und starrte seinen Computer an. Ihr Name auf dem Schirm sah nicht anders aus als der jeder anderen Frau oder jeder echten Prinzessin auch. Er würde es aber schon erfahren, dachte sich der Prinz, ob es sich um eine echte Prinzessin handelte. Die Nacht würde es zeigen. Er schrieb ihr wohldosiert an die zwanzig angemessen freche und vielleicht auch charmante Kommentare und dann noch zwanzig eiderdaunendeckenweiche Mails, die seidenweich und sanft in ihren Posteingang strömten. Denn er war ein wahrer Prinz und wusste, wie man glatte und warme Gedanken an Hautkontakt und Magie in die Köpfe von wahren und falschen Prinzessinnen pflanzte und sie in Versuchung führte, sich ungebührlich zu benehmen.

Dann verabschiedete er sich unerwartet und ließ sie trotz ihrer flirtenden Proteste allein - und am Morgen würde er sie fragen, wie sie geschlafen hätte. »Oh, entsetzlich schlecht!«  sagte die Prinzessin. »Ich habe fast die ganze Nacht kein Auge geschlossen, habe mich hin und her gewälzt und fühle mich, als sei ich am ganzen Körper grün und blau ... erst spät konnte ich mich etwas entspannen.« Sie erwähnte jedoch nicht, dass sie von etwas Hartem geträumt hatte, auf dem sie gelegen hatte und dass die zwanzig eiderdaunendeckenweichen Mails schuld daran waren.

So feinfühlig konnte niemand sein außer einer echten Prinzessin. Denn sicherlich hätte der Prinz sich für die Details dieses Traums zwar interessiert, doch es hätte ihm vermutlich nicht gefallen, wie geschickt die Prinzessin sich selbst zu helfen gewusst hatte. Daran konnte man sehen, dass sie eine wirkliche Prinzessin war. Da nahm sie der Prinz zur Frau, denn nun wusste er, dass er eine wirkliche Prinzessin gefunden hatte.

*
(Das Original: Die Prinzessin auf der Erbse)


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