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An diesem strahlend schönen Herbsttag zog ich aus, eine Schlacht zu schlagen. Seit Jahren bin ich bei diesem Endokrinologen, und zwar im Schnitt fünf Stunden am Stück für die jährliche Routine-Untersuchung.

Erst wartet man, dann meldet man sich an, dann bekommt man einen Zettel, füllt den aus, wartet wieder, erhält noch einen Zettel, wartet wieder und sitzt dann vorne an der Rezeption, während die Zettel noch mal durchgesehen werden, und dann geht es zum ersten Mal zum Arzt, Blut wird abgenommen, noch mal gesprochen, später geht es dann zum Szintigramm. (Szintigramm heißt, dass man leicht radioaktives JodZeugs gespritzt oder gesprüht bekommt, das angeblich keinerlei Nebenwirkung hat außer dem Sichtbarmachen der Schilddrüsenreste, und von dem mir immer speiübel wird und ich drei Tage Durchfall habe).

Das erste Gespräch beim Arzt besteht zu großen Teilen aus meiner Beteuerung, dass trotz meiner fast nichtvorhandenen Schilddrüse und meines restlichen Gesundheitszustands meine weiblichen Zyklen geradezu nervtötend beharrlich durchlaufen, also wiederholtes Aufzählen von Daten (“alle 28 Tage, im Februar waren es mal 31, aber das lag vielleicht nur am Schaltjahr”) und endlose Schilderungen von PMS, die meine ‘Behauptungen’ untermauern.

Die Blutabnahme verläuft so, dass Schwester 1 mir mit einer Nadel in der Armbeuge herumstochert, aufgibt, dann Schwester 2 mit einer anderen Nadel in der anderen Armbeuge herumstochert und dann der Arzt selbst mir drei bis fünf Röhrchen Lebenssaft abzapft. Später wird der Hals gemessen und ultrageschallt, woraufhin ich immer frage, wie groß meine Schilddrüse noch ist und zur Antwort erhalte, dass auch 5 ml so gut funktionieren KÖNNTEN wie 90 ml (auch wenn sie das in meinem Fall nicht tun). Dann werde ich mit dem Hinweis verabschiedet, dass mein Hausarzt den Bericht zugeschickt bekommt.

Diesmal, so hatte ich beschlossen, wollte ich mich wenigstens amüsieren.

Nicht viel. Nur ein bisschen. Ich zückte also bereits an der Anmeldung einen computergefertigten Din-A-4-Zettel in doppelter Ausführung, der sorgfältig und in der richtigen Reihenfolge alle Angaben enthielt, die sonst mit den beiden handschriftlichen Zetteln abgefragt wurden. Die weißen Damen waren fassungslos. Eine nach der anderen staute in einem Kittelknubbel an der Rezeption auf. Die erste quietschte mehrfach völlig verzückt “wie süß!”, womit sie vermutlich nur mein Verhalten und nicht mich selbst meinte. Der zum Repertoire jedes Weißkittelkabaretts gehörende Oberschwesterdrachen las finster fünfmal jeden Zettel (es fehlte aber nichts) und die anderen drei standen mit gereckten Hälsen Schlange, um auch einen Blick auf diesen Bruch in der Routine zu werfen.

Verwirrung machte sich breit und ich konnte mich ohne die doppelte Wartezeit direkt vorne hinsetzen, woraufhin ich feststellte, dass der Menüpunkt “an der Rezeption sitzen, während der Zettel noch mal durchgesehen wird” doch tatsächlich auf die Handschriftlichkeit dieser Unterlagen zurückzuführen war. Wenn man Computergeschriebenes mitbringt, ist alles lesbar und diese weitere Wartezeit entfällt. Übermütig geworden, verkündete ich lässig, dass ich kein Szintigramm haben wolle. Ich begründete das gar nicht erst und sie nahmen es einfach zur Kenntnis, ohne auch nur das Diskutieren anzufangen. Sogar meine Akte durfte ich selbst mit ins Labor nehmen, tat ich auch – und ging erst mal damit aufs Klo, um zu gucken, ob auch alles richtig war. Mir unbekannte, mich aber betreffende Fremdwörter schrieb ich mir raus, um sie später zu googlen.

Im Labor hielt ich meine Hand hin und erklärte, dass sie mir bitte aus dem Handrücken Blut abnehmen sollten “wie immer”. Auf diesen Schachzug war ich besonders stolz, hatte ich mir das doch erst neulich beim Frauenarzt einfallen lassen, dessen Damen auch jedes Mal zunächst vergeblich meine Armbeuge zermatschten. Unzerstochert mit einem Pflaster auf der Hand wanderte ich dann zufrieden zurück ins Wartezimmer und verwickelte die unterschiedlichsten SD-Patienten in einen spontanen Austausch über ihre Symptome. Das erste Gespräch mit dem Arzt (das vor dem Ultraschall) verkürzte ich dramatisch durch einen mitgebrachten Ausdruck meines Menstruationskalenders inklusive der Notizen zum PMS. Niemand denkt sich so was aus, mal abgesehen davon, dass man als Patientin sowieso nicht viel davon hätte zu behaupten, dass man menstruiert, wenn man es nicht tut. Sag ich mal so.

Erneut Zeit gespart, wieder Wartezimmer und entzückt festgestellt, dass sich immer noch alle laut und rege und teils sogar händefuchtelnd über ihre Krankheitsverläufe unterhielten. Der Oberschwesterdrache warf mir zwar bei jedem vorübergehenden Öffnen der Tür misstrauische Blicke zu, aber ich kann notfalls gucken wie ein Lämmchen. Beim Ultraschallen dann stellte ich eine kluge Frage oder so muss es zumindest gewesen sein, denn der Prof erzählte mir von seiner studierenden Tochter in Paris und seinem neuen Mercedes und dass ich gerne am Freitag anrufen kann, um meine Ergebnisse abzufragen. Nach insgesamt zweieinhalb Stunden stand ich wieder in der Herbstsonne.

Das Leben ist schön.


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