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Drei.

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Die Wahrheit über die Liebe.

Der große dunkelhaarige Fremde saß höflich, aber unbewegt auf der Sofakante. Er war auch durch die Kinder nicht aus der Fassung zu bringen, die im Lauf der letzten Tage gelernt hatten, ihn in ihre Spiele zu integrieren.

Spielzeugeisenbahnen fuhren über seine Schenkel, Teddybären parkten unter dem linken Bein und eine Barbie steckte fest eingeklemmt in seiner Achselhöhle. Es schien ihn nicht zu stören. Wenn das Mädchen und der kleine Bruder im Garten spielten, nutzte er rasch und unaufdringlich die Möglichkeit zu rauchen.

Dabei pustete er den Rauch sorgfältig gezielt zur offenen Verandatür hinaus und aschte unauffällig in einen kleines silbernes Gefäß, das anschließend wieder in seiner Hosentasche verschwand. Wenn die Kleine zurück kam, um ihre Puppe wieder an ihm festzuklemmen, lächelte er sie an. Seine Augen waren dunkel mit winzigen Lichtpunkten. Zweifellos hatte er schon viele Herzen gebrochen. Das Kind lächelte zurück.

Es war ein sonniger Tag. Zwar kamen auffällig viele Nachbarinnen am Küchenfenster vorbei oder klingelten an, um sich Backpulver oder ein Ei zu leihen. Der Kater des Hauses hatte seinen Stammplatz auf dem Sofa verloren und pinkelte verärgert auf den Teppichrand, was außer dem Auslöser dieser Neurose noch keiner bemerkt hatte.

Doch es war ein alltäglicher Mittwoch. Trotz des gutaussehenden Fremdkörpers im sportlich-dezenten Leinenhemd wirkte die kleine Familie entspannt und ganz normal. Bis auf die Mutter natürlich.

Der Fee trank Kaffee, sah den Kindern zu, sprach mit der Frau über Belanglosigkeiten und beobachtete dabei den Fremden diskret über einen längeren Zeitraum. Der gähnte nur hinter vorgehaltener Hand, trank gelegentlich einen Schluck Wasser oder Kaffee und kratzte sich sehr dezent im Schritt, als niemand außer dem Fee es sehen konnte – und der Fee hätte es sowieso gesehen, auch durch die Wände des Hauses hindurch.

Er kam zu dem Schluss, dass dieser Mann eine gutartige, wenn auch seltsame Wunscherfüllung darstellte. Trotzdem konnte er verstehen, dass der Herr des Hauses eine Aufklärung oder zumindest Entfernung wünschte.

*
»Also.« Der Fee hatte genug gesehen. »Was ist passiert?« Sie erwiderte seinen Blick verlegen und der Fee begriff, dass niemand hören sollte, was sie zu sagen hatte. Er hätte die Zeit kurz anhalten können - zog es aber vor, sich mit ihr ins Gästebad auf den Badewannenrand zu hocken und nur die Tür schalldicht zu versiegeln, damit die niedrig angebrachten Ohren im Haus nicht lauschen konnten. Dann wiederholte er seine Frage.

»Eigentlich war es gar nichts. Ich fand eine Wimper, als ich mein Gesicht geschminkt hab. Das ganze Badezimmer war voller Dampfschwaden, weil die Kinder gerade duschten. Und als ich sie so auf der Fingerspitze balancierte, diese Wimper, und überlegte, was ich mir wünsche ... sah ich im zugenebelten Spiegel das Gesicht meiner Mutter. Das Gesicht meiner Schwiegermutter.

Die verblödete Nachbarin von gegenüber, die ihr Kind in den Ballettunterricht schleift, weil sie selbst so weit von einer Ballerina entfernt ist wie eine Schweinehälfte von einer Schönheitsoperation. Ich sah meine ehemalige Freundin Karin und eine ganze Wand aus anderen Gesichtern hinter ihr, und sie alle sprachen durcheinander – aber sie sagten alle dasselbe.«

Eine der Zigaretten des Fremden hätte der Fee jetzt gerne gehabt, doch er verkniff sich diese Idee wieder und schob nur das Nikotinpflaster tiefer unter den Hemdrand. Hörte zu. »Eingesperrt im Spiegel befanden sich für ein paar Sekunden lang so ziemlich alle Frauen, die ich jemals getroffen habe. Und sie erklärten mir in dieser ... belehrenden eindringlichen und zweifellos sehr gut gemeinten Art, dass ich doch alles hätte. Alles habe.

Ein Haus, einen Mann, einen Beruf, zwei gesunde Kinder, ein gesichertes Leben. Ich sollte zufrieden sein, nein besser noch: Ich soll ruhig sein, gefälligst eine angemessene Dankbarkeit empfinden und mir nicht noch mehr vom Leben wünschen als all das hier. Und sie hatten Recht. Sie hatten alle Recht. Mir geht es gut.«

Sie hatte bei jedem Punkt Aufzählung ihres Lebensglücks einen Finger gehoben und stand nun zwischen Klo und Wanne, den kleinsten Finger gefangen zwischen Zeigefinger und Daumen der anderen Hand. »Ich schloss die Augen und wollte mir wünschen, dass alles noch lange so bleibt, wie es ist. Aber als ich gegen die Wimper gepustet habe ....«

Sie schwieg. Der Fee sah, wie die Maske aus Verlegenheit und organisierter Wohlerzogenheit von ihrem Gesicht glitt und eine silbrige Träne aus dem linken Augenwinkel entkam, zur Nase wegrutschte und bis in den Mundwinkel floss. Er kletterte vom Wannenrand und nahm die Frau sanft zwischen seine Flügel, wo sie haltlos zu schluchzen begann.

»Und dann, als du gegen die Wimper gepustet hast,« sagte er sanft. »dann ... hast du seinen Namen gesagt.«


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