Katzenfrau.de Kurzgeschichten und Märchen

Es war ein ganz besonderer Tag, das spürte ich deutlich. „Der nächste Sommer kommt bestimmt“, lächelte die aparte junge Dame auf der Plakatsäule und hielt verlockend einen Diät-Camembert in meine Richtung.

Dabei weiss doch jeder, dass nicht Essen schlank macht, sondern Nicht-Essen. Und außerdem, ich hatte gerade 83 Kilo an Gewicht verloren und fühlte mich wie neugeboren. Wirklich, ich brauchte keine Belehrung aus der Werbebranche. Kein fettarmer Käse schmeckte so gut wie das Gefühl, Gerhard endlich abgelegt zu haben - es war auch wirklich an der Zeit gewesen. Grund genug also, der Werbedame freundlich zuzulächeln, das Mädel konnte ja nichts dafür, dass sie aus Pappe war .... und sich an der nächsten Bäckerei ein Croissant zu holen, eins mit sahnigem, echtem Camembert.

Essen ist sinnlich. Essen macht sinnlich. Nach der fleischfreien Diät der letzten Jahre - Gerhard war meistens sogar als Fleischeinlage zu faul - konnte ich nicht sinnlich genug sein an so einem wunderbaren Frühlingstag.

Frei. Alleine, aber frei. Es prickelte in der Luft und hier und da in mir, da wachten Körperteile und Gefühle auf, die ich längst eingemottet hatte.

Wie dumm war es doch von mir gewesen, so lange zu warten… wie war das eigentlich passiert? Wie konnte sich das so lange hinziehen? Fünf Jahre hatte ich irgendwie bei Gerhard verschlafen, jetzt war ich aus der Betäubung erwacht. Verlassen hatte ich ihn nicht, weil ich keinen Mann brauchte. Verlassen hatte ich ihn nämlich, weil ich einen brauchte.

Nichts gegen Männer ...

Ganz ehrlich, mir wäre langweilig ohne diese sportbesessenen Schnarchgebirge, die ihre Mütter vergöttern und ihre Transportmittel anbeten. Auch wenn sie Gefühle weder äußern noch damit umgehen können und man sie offensichtlich mit einem Wonderbra wie an der Leine führen kann - für die eine oder andere Aktivität sind sie doch ganz gut zu gebrauchen.

Jegliche denkbare Alternative zu den Assistenten der Schöpfung war für mich sowieso noch nie von Interesse - und nach der gewissen anderen Aktivität war mir bei diesem Spaziergang durch die Stadt mal wieder so richtig zumute: das gewisse sehnsüchtige Prickeln halt.

Ab und zu gab auch meine biologische Uhr ein rostiges Ticken von sich und erinnerte mich daran, dass ich schon dreieinhalb Jahrzehnte auf diesem Planeten wandelte, ohne einen Ableger produziert zu haben. Aber dazu konnte ich nur sagen: Eins nach dem anderen! Wäre ja auch wohl sonst schlecht machbar gewesen, auf natürlichem Wege.

Es prickelte also. Nicht im Bauch, jedenfalls nicht direkt oder höchstens ein bisschen tiefergelegt, denn es handelte sich ja nicht um Verliebtheit, sondern um Lust. Das ist einfacher, aber auch schwieriger als Verliebtheit. Ob ein Mann sich pflegt und gerne flirtet, das sieht man sofort. Ob er treu ist, ein guter potentieller Familienvater wäre und ein regelmäßiges Einkommen mitbringt, lässt sich beim Freistil-Flirt ebenso schlecht abschätzen wie die zu erwartende Lebensdauer seiner Mutter oder die Anzahl treu ergebener Saufkumpane.

Lassen wir das, für den Anfang sollte mir an diesem schönen Tag ein Flirt genügen. Und immerhin, ein Opfer hatte ich auch schon in Aussicht. Direkt am selben Tag, als ich Gerhard erklärte, er müsse nun ausziehen, da dies ein wesentlicher Bestandteil der anstehenden Wohnungsrenovierung sei, hatte ich mich nämlich hingesetzt und eine Kontaktanzeige aufgegeben.

Damit ich nicht gleich wieder den Mut verlor und aus lauter Angst vor Einsamkeit und Macht der Gewohnheit meine Meinung änderte. So was kann nämlich passieren, auch wenn man sich schon lange nicht mehr liebt. Manchmal hatte ich Angst, dass ich eines Tages alt und alleine aufwachen würde mit nichts als endlos viel Zeugs und aus der Mode gekommenen Klamotten, die sich in 60 Jahren angesammelt hatten! Aber die Angst, neben Gerhard zu vermodern, die war in diesem Frühling einfach stärker.

„Du wirst schon merken, was Du davon hast“ und „Wir werden ja sehen, wann Du wieder ankommst!“ waren seine Reaktionen, als ich mich in die Küche zurückzog, damit er in Ruhe packen konnte. In der Hoffnung, dass ich sehr bald merken würde, was ich davon haben würde, nämlich spannende Verbesserungen meines Sex- und restlichen Lebens, kaute ich an meinem Lieblingsbleistift und formulierte den Text, der einen Mann herbeizaubern sollte, den ich Gerhard dann triumphierend unter die Nase reiben konnte.

Mitten in einer Trennung ist Ablenkung sehr wichtig, vor allem für rundliche Blondinen über dreissig mit leichten Anfällen von Torschlusspanik. Eine Bekanntschaftsanzeige, das war irgendwie symbolisch, zeitgemäß, ein bisschen peinlich, aber bezahlbar. Doch was schreiben? Nicht so ein Standard-Blabla.

„Sie, 34, 180cm, lange Mähne, grüne Augen, mollig, frech, temperamentvoll, sucht intelligenten u. belastbaren Mann (mit Bild bitte) der Katzen liebt, auch große.“ Bevor mich eine mittelschwere Identitätskrise mit Selbstzweifeln wegen meiner Fähigkeiten als Texterin überkommen konnte, flitzte ich zum Briefkasten um die Ecke und warf den Coupon ein. Spontane Ideen sind immer die besten, und lieber grübelte ich darüber nach, ob die Sachbearbeiter der Anzeigenannahme sich heimlich kaputtlachten, als darüber, ob Gerhard mich mehr als seine gebügelte Wäsche vermisste. Abends las ich meinen Text noch drei-, vier-, fünfmal und jedes Mal gefiel er mir besser. Kein Gesülze, kein Vorspiegeln falscher Tatsachen, und Kandidaten mit Katzenallergie würden mir und dem fetten Kater Fritz wohl auch erspart bleiben.

Natürlich ging es mir nach der Trennung trotzdem schlecht. Meine Mutter hat noch am selben Abend angerufen, sie hat einen mörderischen Instinkt dafür, wann sich eine Einmischung in mein Leben lohnen könnte. Eine meiner Cousinen hatte gerade ein Baby bekommen und Mutter möchte gerne auch endlich Oma werden. Ich habe sie zwar darauf hingewiesen, dass Großmütter in unserer jugendorientierten Gesellschaft einen schweren Stand haben und dass sie Gerhard ja selbst heiraten könnte, wenn sie so wild auf ihn ist.

Aber sie gab erst Ruhe, als ich ihr drei farblich gemischte Enkelkinder zusagte und versprach, mit einem schokoladenfarbenen anzufangen. Das macht sie regelmäßig mundtot, davor hat sie wirklich Angst, seit sie beim letzten Grillfest meinen Kollegen aus Ghana kennen gelernt hat, mit dem ich mich so gut verstehe.

Nach dem Gespräch mit Mutter war mir dann erst richtig elend zumute. Mütter haben so was an sich, man kann nichts richtig machen und wenn man auf offener Strasse erschossen wird, fragen sie als erstes „Kind, was hast Du dem denn getan?“

Ich habe dann ein paar Tage lang von Sahnepralinen und Pizza mit doppelt Käse gelebt, damit die Kummerfalten keine Chance zum Einsinken hatten. So eine Art kosmetisches Gegensteuern durch Fettgewebe, sozusagen - es ist sowieso reine Bösartigkeit von manchen Frauen, zu behaupten, sie würden bei Stress und Sorgen abmagern, ich habe das noch nie geglaubt.

Und während ich noch überlegte, ob es wirklich eine so weise Entscheidung war, sich nur wegen tödlicher Langeweile, wachsender Gereiztheit, fehlenden Gefühlen und akutem Sexmangel zu trennen…. flatterten glücklicherweise und endlich die ersten Antworten auf meine Bekanntschaftsanzeige ins Haus.

Viele Briefe ...

Erst war ich total begeistert, weil es so viele waren. Dann habe ich genauer hingeschaut und Stapel gemacht: Je einen Stapel für „Würg & Kotz“, „Glatze, Schnauzer oder Vollbart“ (diese beiden Stapel haben sich ziemlich überschnitten), „alt bis sehr alt“, „der spinnt wohl“ und „ganz nett, aber zu harmlos“. Mir ist dann zwar selbst aufgefallen, dass ich auf einmal ein wenig negativ eingestellt war, aber das hat mich nicht davon abgehalten, so einem Serientäter einen vernichtenden Brief zu schreiben.

Wer eine lieblos hingeschmierte Fotokopie mit bärtigem Foto und schmuddeliger Handschrift und ohne Anrede, da Fotokopie, als Massenwurfsendung an sämtliche inserierenden Damen schickte, der musste mit so was rechnen. Fand ich.

Er schwadronierte in seinem Flugblatt: ‘Heinz Günter Sowieso, Postfach, Telefon… Hallo und guten Tag! Mit großem Interesse habe ich Ihre Anzeige gelesen und möchte Sie gerne kennen lernen. Bin vollkommen unabhängig, beruflich in leitender Position tätig und vielseitig interessiert, wie z.B. Reisen, Fotografieren, Wandern, Radfahren (am liebsten auf einem Tandem), Sauna, alte Dampfeisenbahnen. Da ich nun lange genug alleine lebe, suche ich nun auf diesem Wege die passende Partnerin fürs Leben. Wenn Sie mich also näher kennen lernen möchten, so rufen Sie mich doch einfach mal an oder schreiben mir ein paar Zeilen, dann erfahren Sie auch noch mehr über mich. Bis bald? Heinz Günter Sowieso.’ Nachdem ich Heinz-Günter schriftlich dargelegt hatte, was ich von dieser Fließbandarbeit hielt, wanderte sein Foto auf den Stapel „Würg & Kotz mit Vollbart“.

Der nächste Bartträger sah Heinz Günter zwar zum Verwechseln ähnlich, aber dieser Typ hatte echte Chancen. Zwar nicht bei mir, aber sein Stil war gut und er hatte sein Schreiben mit dem PC verfaßt, ein Foto gescannt und Grafiken eingearbeitet, außerdem las er sich nett. Trotzdem musste ich ihm mitteilen, dass es mit mir nichts werden konnte - noch nie habe ich verstanden, warum sich jemand sein Gesicht mit Haaren zuwachsen lässt. Das habe ich ihm zwar nicht geschrieben, sondern irgendwas freundlich-ablehnendes. Manche verdienten eben eine Antwort, entweder weil sie so schön widerlich waren wie Heinz-Günter oder eben, weil sie es verdient hatten. Oder weil es mir Spaß machte, eine zu verfassen.

Der Michael schrieb: ‘Hallo! Ich versuch’s mal - obwohl ich kein Photo habe…. Vielleicht gefällt Dir ja, was ich schreibe und Du magst mir antworten….? „Ich“ ist ein 35jähriger Single mit Bart, Brille und manchmal Pfeife im Gesicht. An 1,80 cm fehlen mir so ca. 4-5. Von Statur (und Wesen) her denke ich schon, dass ich belastbar bin. Das mit der Intelligenz sollen andere beurteilen - ich komme einigermaßen klar. Beruflich (und privat - wie Du siehst) beschäftigen mich Computer - am Arbeitsplatz versuche ich sie am laufen zu halten, zuhause ist es dann umgekehrt! Ein weiteres Hobby von mir siehst Du oben rechts symbolisiert. Ich paddle ganz gern - nur bei weitem nicht so akrobatisch wie der Typ da oben [da war eine Grafik mit einem Kanu-Fahrer beim Salto]. In puncto Katzen (zumindest was die kleinen angeht) bin ich neutral - ich habe keine Haustiere, aber man(n) lernt ja nie aus. Gegen Balgereien mit großen Katzen habe ich jedenfalls nichts einzuwenden. Über einen Brief oder einen Anruf, Telefon .... würde ich mich freuen, falls Du Lust auf einen Frühlingsspaziergang oder ‘nen Kaffee hättest. Bis dann (?) Michael. ... hab doch noch so was ähnliches wie ein Bild gefunden.. OK?“

Nun gab es auch noch einen Stapel „Nett trotz Bart“. Ich schämte mich, weil ich ihn attraktiv hätte finden sollen aufgrund seines netten Stils und weil es ihm nichts ausmachte, dass er kleiner war und überhaupt - weil ich einfach so oberflächlich war und einen wollte ohne Teppich im Gesicht, wo doch innere Werte viel wichtiger sind. Männer suchen Frauen schliesslich auch nach dem Charakter aus und niemals nach Oberweite oder Beinlänge oder fehlendem IQ…. Nun gut, ich schämte mich nicht lange.

Mit spitzen Fingern fischte ich dann einen Bernhard, einen Jürgen, einen Martin und einen Jochen aus den Umschlägen, deren Briefe sich ähnelten wie ein Ei dem anderen. Zwar bat der eine darum, Diskretion wahren zu lassen, weil seine Tochter bei ihm lebte, der nächste hatte eine krebskranke Ex-Frau bei sich wohnen und der dritte seine Mutter - sie hatten jedenfalls alle angeblich gute Gründe dafür, Heimlichkeiten betreiben zu wollen.

Und ich las Dinge wie „der erste Eindruck entscheidet, daher kein Bild“, „da ich kein Bild von Dir habe kriegst Du jetzt auch keins von mir“ und „wenn ich ein Foto von Ihnen erhalte, sende ich gerne auch eines von mir“.

Alberner Kinderkram. Diese Herren konnte ich mir gut vorstellen beim ersten Rendezvous: ‘Zahlen Sie Ihren Kaffee bitte selbst? Schließlich können Sie mir ja nicht garantieren, dass aus uns ein Paar wird.’ Außerdem hatte ich doch in meiner Anzeige schön höflich um ein Bild gebeten und konnte mir schon vorstellen, wie Männer sich in einer Beziehung benehmen, die gleich die erste Bitte einer Dame nicht erfüllten.

Der Stapel mit diesen Anti-Kandidaten wuchs beunruhigend in die Höhe und ich wurde zunehmend schlecht gelaunt. Dann fand ich wieder einen netten Mann, oder zumindest einen mit einer sehr symphatischen Handschrift.

„Hallo, ich heiße Marcel, bin 1,86m groß und 28 Jahre alt. Katzen liebe ich über alles (große und kleine). Belastbar bin ich auch und intelligent (?), finde es heraus… Beruflich schlage ich mich als .... durchs Leben und in meiner Freizeit sind Lesen, Radfahren, Baggerloch, Unfug machen und Kuscheln (?) angesagt. Wenn Du mehr erfahren möchtest, melde Dich. Marcel, Adresse, Telefonnummer.“

Auf dem Foto war ein Studentenzeit-Wohngemeinschaftstyp mit Mähne plus beginnender Glatze, der nett aussah, ein Schnappschuss. Leider sah Marcel außerdem noch meinem ehemaligen Mathelehrer ähnlich. Sehr sogar.

Der nächste Bewerber liess selbst meinen Mathelehrer in romantischem Licht erscheinen. Ich stellte fest, dass es körperlich wehtat, beim Lesen zu entdecken, dass sich jemand für geistreich hielt. Dieser ‘originelle’ Briefe kam von Hrmspfgr oder was auch immer jene Unterschrift heißen sollte.

‘Hallo Kratzbürste! Oder lieben Sie das Gestreicheltwerden? Ich bin 39 Jahre (zu alt für sie????), 1,92m groß (hier passen wir ja zusammen?????), kurze Mähne, blauen Augen, andere sagen ich sei schlank aber bei Ihnen stößt man ja nicht körperlich an, denn durch die Molligkeit wird man doch abgefangen beim Kuscheln????? Molligkeit hat für mich viel mit Weiblichkeit zu tun!!!!
Frechheit ist doch sehr anregend beim streiten gibt es gute Ergebnisse zu erzielen belastbar bin ich durch streitsüchtige Freundinnen auch ich habe auch eine etwas seltsame Art des Humors den Sie hoffentlich verstehen????? Wenn Sie immer noch nicht genug haben, ich bin bärtig und selten „in“ und kein Disco-Typ rufen Sie wenigstens an: Hrmspfgr Adresse Telefon…. ein rolliger Gruß.. Hrmspfgr.’

Spontan entschloss ich mich, nach dieser Anzeigenaktion die Weight Watchers zu besuchen und zerknüllte den haarigen Freund, der bärtige Fotos mit herausgestreckter (hässlicher) Zunge verschickte. Langsam reichte es mir, noch zwei Briefe… Vielleicht war die Aktion doch keine so gute Idee gewesen, obwohl doch eigentlich wenigstens ein oder zwei nette Männer hätten dabeisein können. Ein Gorilla im roten Jackett? Und mit Krawatte?

Ein genauerer Blick auf das Foto enthüllte, dass der Neandertaler doch nicht ausgestorben war: Er fuhr jetzt Porsche und liess sich drangelehnt knipsen. Der Brief war so widerlich wie das Bild: ‘Hallo Katze, es ist doch klar, dass das Unberechenbare anstrengend ist. Aber dafür ist es auch nicht langweilig. Wenn Du dieses innere Gefühl hast und dich mit einer Katze identifizierst, solltest Du mich mal richtig ausgiebig belasten. Ruf mich an, Telefon… Ich bin 34 Jahre und - ach, ruf einfach an, dann erzähl ich Dir den Rest. Ciaou Martin.’

Obwohl ich kaum noch Lust dazu hatte, rupfte ich konsequent den letzten Brief auf.

„Liebe Unbekannte, mir fehlen die passenden Worte. Vielleicht ist es mangelnde Intelligenz, oder aber eine gewisse Wildheit, die Dein Inserat versprüht. Blödsinn, es ist nicht das Inserat. Sondern wohl eher die Frau, die dahinter steht. Ob ich belastbar bin, solltest Du schon selbst herausfinden, da ich Deinen Maßstab nicht kenne. Das einzige, was mir im Moment zu meiner Person einfällt ist, dass ich Christoph heiße, blaue Augen habe, dunkle Haare, 190 Zentimeter groß bin, 89 Kilogramm wiege und 37 Jahre alt bin.
Zur Zeit arbeite ich als selbständiger Architekt in der Nähe von Düsseldorf, fahre gerne Rad, spiele Tennis, lese, schaue mir gerne schöne Kunst an, gehe gerne ins Kino und essen. Ansonsten liebe ich das süße Nichtstun und vielleicht auch Dich. Ruf doch einfach mal an, Telefon… Vielleicht bis bald?! Christoph.“

Natürlich, der letzte Brief musste der einzige akzeptable sein. Wie in einem mittelmäßigen Drehbuch. Was soll ich sagen? Christoph schrieb nicht nur gut und mit einer schönen Handschrift - gut ausgesehen hat er auch noch, zumindest auf dem Foto. Er war am Telefon sehr nett, charmant und durchaus im richtigen Masse frech und eine klitzekleine Dosis anzüglich, als er mitbekam, dass ich von der Badewanne aus telefonierte.

Und nun war ich an diesem wunderbaren Frühlingstag mit einem angenehmen Kribbeln im Bauch unterwegs zum Rendezvous. Ein wenig verunsichert, weil aus der Übung. Etwas wackelig, weil auf Schuhen mit Absatz. Ziemlich vergnügt, weil endlich etwas passierte. Und sehr aufgeregt und viel zu früh dran.

Vielleicht war es keine gute Idee, durch die Einkaufszone zu schlendern, in der jedes Schaufenster mich daran erinnerte, dass ich zwanzig Jahre zu alt für den „Girlie“-Look war und zu oft „Du darfst“ zu meinem gesunden Appetit gesagt hatte. Jedenfalls nicht so knapp vor einer romantischen Verabredung. Andererseits mochte ich nicht zu früh im Café Sommer sitzen und jeden Neuankömmling treuherzig abchecken, ob er deckungsgleich mit dem Foto in meiner Handtasche war.

Wohin also? Während ich noch überlegte, ob ich eine weitere Runde um die Kaufhäuser drehen oder eine Parkbank ansteuern sollte, klopfte mir plötzlich jemand von hinten auf die Schulter. Was ich ja sowieso hasse, nur die gekünstelten Wangenschmatzer sind mir noch fieser als die jovialen Schulterklopfer.

Wenig erfreut drehte ich mich also auf dem ungewohnten Absatz um und fiel prompt Werner in die Arme, weil ich die Erdanziehungskraft für höhergestellte Damen einfach falsch eingeschätzt hatte. Das war aber nicht so schlimm, denn Werner stand fest mit beiden Beinen auf dem Boden. Diesen alten Freund von Gerhard kann wirklich nichts erschüttern, auch ich nicht, er stellte mich einfach wieder hin.

Wie ich über einige Umwege erfahren hatte, hat Werner er bei unserer Trennung Gerhards Begehren, seine Junggesellenbude mit ihm zu teilen, mit dem Spruch quittiert „Wieso, ist Deine Mutter im Urlaub?“ und seitdem war er mir ja fast sympathisch.

Nur gerade jetzt hatte ich wirklich absolut keine Verwendung für ihn, sorgfältig zurechtgemacht wie ich war und auf dem Weg zu meiner Begegnung mit der zweiten Art.

„Hallo Werner, wie geht’s?“ fragte ich freundlich, nachdem ich alles wieder einsortiert hatte, und hielt schon mal nach einem Fluchtweg Ausschau. Der Mitteilung, man würde von heftigen Menstruationskrämpfen geplagt und sei deswegen auf der Suche nach einer Apotheke oder einem Drogeriemarkt, stehen die meisten Männer recht zurückhaltend gegenüber, aber so weit wollte ich gar nicht gehen.

Nur schnell ein paar Sätze mit Werner wechseln und dann pünktlich ins Café Sommer einmarschieren, solange meine Frisur noch so ungefähr an ihrer Stelle saß.

„Nett siehst Du aus.“ meinte Werner trocken und musterte mich ausführlich. Eigentlich passte es mir ganz gut in den Kram, dass Gerhard nun aus erster Hand erzählt bekommen würde, wie glänzend es mir ohne ihn ging. Also lächelte ich strahlend und machte einen Augenaufschlag, von dem Bambi noch etwas hätte lernen können.

Prompt fragte Werner, ob ich nicht Lust hätte, mit ihm einen Kaffee zu trinken! Katastrophal, damit hätte ich aber auch rechnen müssen, der war ja auch ein Mann.

Für mich war Werner bisher immer so eine Art geschlechtsneutraler Nebeneffekt zur Fußballweltmeisterschaft gewesen, wenn er und Gerhard sich wochenlang im Wohnzimmer verschanzten - nun hatte ich den Salat. „Du, ich bin leider verabredet“, sagte ich verlegen in der festen Absicht, diesem ruhigen braunen Blick von jetzt an auszuweichen.

„Dann eben ein andermal“, meinte Werner. „Wie wäre es denn mit Samstag?“ Ich hatte am Samstag Besuch. Am Sonntag? Meine Mutter wollte eigentlich….. Am Montag? Werner würde nicht lockerlassen, soviel war klar.

Ich stöhnte innerlich auf und wollte gerade Anlauf nehmen, um ihm die Wahrheit zu sagen: Dass ich keineswegs vorhatte, mit ihm auszugehen oder sonst etwas zu unternehmen. Da sah ich am Ende der Fußgängerzone einen grossen dunkelhaarigen Mann in einer blauen Jacke auftauchen - so hatte Christoph sich beschrieben - und verlor die Nerven.

„Montag ist OK, holst Du mich ab?“ fragte ich hastig und wartete kaum noch auf sein zustimmendes Nicken, bevor ich seine Hand schüttelte und um die Ecke ins Café galoppierte, um mich anmutig an einen strategisch günstig liegenden Tisch zu werfen.

Tja, so ist es eben passiert.

Zweieinhalb Stunden lang saß ich Christoph gegenüber, lächelte, flirtete und sah tief in diese blauen Augen. Die ganze Zeit habe ich mich gefragt, wo der Wurm an der Sache war - der Kerl war charmant, gutaussehend, hatte einen vorzeigbaren Beruf… Warum antwortete er auf Kontaktanzeigen?

Die Damen vom Nebentisch hätten ihn ohne mit der Wimper zu zucken übernommen, wenn ich unvorsichtiger gewesen wäre. Nach zweieinhalb Stunden angeregter Plauderei kamen wir dann endlich der Sache etwas näher.

Ich sprach davon, dass für mich eine Aufgabenteilung im Haushalt wichtig sei und merkte, dass mein Gegenüber ganz leuchtende Augen bekam. Seltsam, oder?

Meinen Erfahrungen nach ist es Männern einfach viel angenehmer, anzunehmen, dass Mutter Natur es wie ihre eigene Mutter so eingerichtet hat, sämtliche lästige Hausarbeiten den Frauen auf diesem Planeten zu überlassen. Wohingegen eine moderne Frau von heute es natürlich nicht mehr erwarten kann, dass ein männliches Wesen als Ernährer auftritt.

Dieser Mann aber beugte sich vor und vertraute mir an, er sei eigentlich sehr angetan von der Idee, jemandem den Haushalt zu führen und dafür finanziell mitversorgt zu werden! Mir war irgendwie seltsam zumute. Nicht, dass ich etwas dagegen gehabt hätte, wenn ein Mann mit anpacken wollte. Nur hatte ich das Gefühl, das sei noch nicht alles, was er zu gestehen hätte.

Damit hatte ich auch verdammt recht. Nachdem ich relativ aufgeschlossen auf diese Eröffnung reagierte - ich lächelte freundlich zustimmend und schaute dann in meinen Cappuccino, um die passende Antwort zu finden - duckte dieser gutaussehende nette Mann sich ein wenig zusammen und fügte noch hinzu „Sowieso ist es mein Traum, von einer Frau dominiert zu werden.“

Was soll ich sagen? Einmal habe ich Gerhard versuchsweise mit Handschellen ans Bett gefesselt und er ist dann eingeschlafen, während ich mit den Schlüsseln herumfummelte. Dominanter als bei solchen Spielchen wollte ich eigentlich auch nicht werden. Abgesehen davon erschlaffte mein aufkeimendes Interesse an Christoph mit diesem Geständnis komplett und irreparabel.

Ob die Gründe dafür nun logisch waren, darauf kam es mir auch gar nicht an. Mit sehr höflichen Worten teilte ich ihm dies mit, ließ ihn unseren Kaffee bezahlen und entschwand, um mich zuhause gründlich auszuheulen. Mein durchgeplantes Verführungsoutfit war wohl zu sommerlich gewesen, ich hatte mir einen Schnupfen und Halsweh statt eines Mannes eingefangen.

Und dann noch die Verabredung mit Werner, die lag mir wie ein Klumpen im Magen. Das musste ich nun auch noch absitzen, ich fand das schlimmer als keine.

Der Rest ist schnell erzählt. Werner holte mich pünktlich um acht Uhr ab. Da ich ja auf Werner keinen guten Eindruck machen musste, habe ich mir im Restaurant statt des Damensalates ein dickes Steak mit Sauce Bearnaise bestellt und mein darauf nicht mehr eingestellter Magen hat beschlossen, mir das so richtig übel zu nehmen. Oder war es die Grippe, die ich seit dem verhängnisvollen Rendezvous in den Knochen spürte? Jedenfalls habe ich Werner auf dem Rückweg ins Auto gespuckt und bin dann zusammengeklappt. Gerade als ich ihm sagen wollte, dass es zwar ein netter Abend war, ich aber momentan keine Verwendung für einen Mann in meinem Leben hätte.

Danach fehlen mir zwei Tage. Als ich wieder aufwachte, stellte ich fest, dass Werner mich ins Bett gebracht, gewaschen und mit Hilfe des Notarztes perfekt betreut hatte, wie ein gelernter Krankenpfleger. Und dass er eigentlich ein sehr nettes Lächeln hatte.

Gerhard ist dann doch noch in Werners Wohnung gezogen, allerdings alleine. Werner ist geblieben und ich kann mich an keine einzige Zeit in meinem Leben erinnern, in der ich so zufrieden war wie jetzt - ich fühle mich, als könnte ich nach den Sternen greifen und sie einzeln pflücken. Natürlich halten uns alle für verrückt. Werner und ich müssen es in den Tagen direkt nach der Lungenentzündung irgendwie geschafft haben, vorübergehend völlig den Verstand zu verlieren - in den nächsten 8 Monaten muss ich mir um Diäten jedenfalls keine Gedanken mehr machen, nur noch um das Baby.

Eigentlich wäre Christoph doch ein netter Name für einen Jungen.


Frauen und andere Katzen
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Kurzgeschichten, Märchen und erotische Erzählungen.

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