Katzenfrau.de Kurzgeschichten und Märchen
Hinweis: Trotz sorgfältiger Komposition verschiedener Aspekte kann keinerlei Haftung dafür übernommen werden, wenn durch die Befolgung dieser einfachen Regeln der gewünschte Schaden nicht entsteht. Es wird insbesondere keine Haftung für Erkenntnisse und Folgeschäden am Cyberstalker selbst übernommen.

Diese Anleitung kann selbstverständlich nicht alle Aspekte unerwünschten Bedrängens abdecken, sondern nur eine Hilfestellung für den typischen Werdegang abgeben und erste Schritte unterstützen.


1. Dein Schicksal erkennen.
Sei dir sicher: Irgendwo da draußen schreibt eine Frau ein Weblog nur für dich. Sie kennt dich nicht und weiß das daher noch nicht. Aber du wirst sie erkennen (und vermutlich parallel noch fünf bis achtzehn andere Frauen) und sofort wissen: Sie schreibt da draußen nur für dich. Mach dich auf und lies, lies den ganzen Tag und viele Blogs. Du wirst ein Weblog finden, in dem Texte einer Frau stehen. Nicht sofort, denn du als Stalker bist ja nicht unbedingt sehr helle. Aber gib nicht auf.

2. Erfüllung.
Gefunden! Texte einer Frau, und dann noch in ganzen Sätzen. Du bist Zuhause, in der Heimat angekommen! Ein herrliches Gefühl. Wärme und Schmetterlinge im Bauch, wie das eben ist bei so einer gegenseitigen Verliebtheit, Frühling in Hirn und Hose. Nun muss sie es noch erfahren. Beobachte also dieses Weblog (und die fünf bis achtzehn anderen) rund um die Uhr. Schreib dir auf, wer kommentiert und speichere dir alle Einträge ab. Folge jedem Link und übe dich in Interpretation über seine mögliche Bedeutung für eure gemeinsame Zukunft.

3. Verbundenheit
Lies jeden Satz in dem von dir fixierten Weblog (und den fünf bis achtzehn anderen von aufregenden Frauen geschriebenen) so oft, bis sich die für dich persönlich darin versteckte Nachricht endlich völlig erschließt. Sie ist da, die Nachricht – du musst sie nur finden. Üben, üben, üben. Das Mädel grübelt die ganze Nacht, wie sie zwischen den Zeilen ihre unendliche Liebe für dich unauffällig bezeugen kann, du darfst sie auf keinen Fall enttäuschen.

4. Interpretationshilfen
In Ihrem Weblog steht ein Bratkartoffel-Rezept aus dem Rheinischen? Ganz klar: Sie wird dich zärtlich „Toffelchen“ nennen, wenn du denn endlich bei ihr sein darfst. Es regnet in ihrem Ort? Sie weint um dich. Sie liebt jemanden, der ihr gerade jetzt beim Schreiben zärtlich die Schultern massiert? Das sagt sie doch nur, um zu testen, ob du auch eifersüchtig wirst. Genau genommen schläft sie nur mit dem, um dich aus der Reserve zu locken. Sie hat ihn nur GEHEIRATET, um dich endlich zu einem Geständnis deiner Liebe zu treiben. Sie zitiert Hesse, Rilke, einen Song, einen Fernsehmoderator, ihre Mutter oder einen Buchtitel? Das ist ein Zeichen, sie wartet auf Besuch von dir!

5. Verdichtung
Nun wird es Zeit, aus eurer innigen telepathischen Kommunikation endlich eine dokumentierbare, archivierbare Kontaktaufnahme zu machen. Schreib ihr (und den fünf bis achtzehn anderen Frauen) eine möglichst normal klingende Mail, aus der nicht gleich hervorgeht, was für eine arme Psycho-Socke du bist. Schleim sie dicht. Lob ihren Schreibstil. Mach ihr Komplimente, bezieh dich auf aktuelle Einträge. Je nach Zielobjekt wird sie eventuell nicht mal ansatzweise darauf reinfallen, aber das bemerke einfach nicht.

6. Zutrauliche Spielchen
Eure ganz spezielle Verbundenheit hat eigene Regeln und Gesetze, die euch täglich enger aneinander binden, das spürst du genau. So wird sie (und so werden die fünf bis achtzehn anderen) dich unter jedem deiner vielen Nicknames in jedem Comment und in jeder Mail erkennen und ihre leidenschaftliche Zuneigung zu dir durch kokette Abwehr demonstrieren. Jede voll funktionsfähige Psycho-Socke weiß: Was sich liebt, das neckt sich. Und Frauen, die rumzicken, warten nur auf den souveränen Eroberer, der sie sanft aber unerbittlich im Nacken packt, zu sich herabzieht auf seine Tiefen und sie männlich abschleckt. Lass dich also nicht abwimmeln! Jede Reaktion von ihr, jeder Atemzug und die Tatsache, dass sie noch das Internet benutzt, beweisen: Sie liebt dich auch.

7. Misstrauen
Obwohl du dir sicher bist, eine innige Verbundenheit zu spüren, wird sich Misstrauen in eure Beziehung schleichen. Ist jenes Zitat und dieser Song wirklich für dich gemeint? Gilt diese vibrierende Sehnsucht zwischen den Zeilen auch wirklich dir? Erfahren kannst du das nur, wenn du ihr eine obszöne Beleidigung mit dem Vorwurf des dich betrügens mailst. Am besten mit Drohung. Übrigens eine nette Gelegenheit, eine deiner vielen anonymisierten Mailadressen gewinnbringend einzusetzen, denn bei deinem Wutanfall möchtest du dir verständlicherweise die Option offen halten, es nicht wirklich gewesen zu sein.
Schreib ihr parallel oder kurz darauf von deinem halbwegs normalen anonymen Mail-Account eine sachliche Mail, die um Freundschaft oder Kommunikation winselt oder eine Diskussion fordert. So kannst du zuverlässig davon ablenken, dass die rasende Eifersucht von dir kam, denn sie ist ja blind vor Liebe zu dir und wird es entweder nicht durchschauen oder dir gar spontan verzeihen.

8. Unbeirrbarkeit
Echte, wahre, reine Liebe findet immer ihren Weg. Immer. Wenn das Schicksal will, dass ihr beide zusammengehört, dann kann euch auch die Tatsache nicht trennen, dass sie schon anfängt sich zu übergeben, wenn sie nur einen deiner Nicknames liest. Ein schöner Anlass übrigens, sich doch mal telefonisch oder persönlich vorzustellen. Sie wird erzittern vor Verlangen, wenn sie deine Stimme hört. Mach es ihr leichter, gib ihr eine Chance, nicht zu schüchtern zu sein dir gegenüber (Frauen sind immer schüchtern) und sieh einfach zu, dass du verlässlich die Ausdrucksfähigkeit und das Timbre eines der Vera-am-Mittag-Vaterschaftstestkandidaten in eure Konversation einbringst.

9. Langfristigkeit
Ein Stalker, der etwas auf sich hält, wird viele Monate oder Jahre um ein Weblog herumlungern und jede Ecke, jedes Wort und jeden Link durchschnüffeln und regelmäßig austesten, ob seine Comments immer noch gesperrt, seine obszönen Mails immer noch ignoriert werden und ob es Konsequenzen hat, wenn er dem Objekt der Begierde rasend eifersüchtig irgendwelche Affären andichtet. Ein Stalker, der etwas auf sich hält, hat nämlich gar kein anderes Leben, in dessen Normalität er aus dem Liebeswahn zurückkehren könnte. Er kann also ewige Liebe schwören und hat dabei nichts zu verlieren. Zwischendurch wird er behaupten, auf dem Weg der Heilung zu sein und innerhalb weniger Minuten oder Stunden einen Rückfall erleiden. Öffentlich, per Mail, per Comment, in seinem eigenen Weblog, ganz egal.

10. Finale
Wie eure große Liebesgeschichte ausgehen wird? Wie alle Beziehungen auf einer so durch und durch gesunden Basis: Mit großem Bedauern wirst du feststellen müssen, dass „sie“ (und die fünf bis achtzehn anderen) sich nur eine gewisse Zeitlang von dir irritieren lassen und dass es sich auch relativ schnell herumspricht, unter welchen Namen und mit welchen typischen Verhaltensweisen du Schlaumeier deine Pestilenz versprühst. Da hilft dann auch eine Pseudointegration durch ein eigenes Weblog nicht mehr, denn du hast erfolgreich den Status einer Kakerlake erreicht, deren Anwesenheit zur Kenntnis genommen wird, die aber immer nur von außen durchs Kellerfenster schauen darf.

Dies ist nun der Moment, in dem sich entscheidet, ob du ein Mann bist oder ein Stalker. Ein Mann würde gehen. Du aber drehst dich immer weiter im Kreis und wechselst höchstens mal das weibliche Zielobjekt.


Frauen und andere Katzen
Frauen und andere Katzen.

Kurzgeschichten, Märchen und erotische Erzählungen.

Taschenbuch mit Geschichten, die zum Teil auf katzenfrau.de veröffentlicht wurden.
(6,60 Euro - 104 S., online bestellen)