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»Und dann entführte Euch der Drache und brachte Euch her?« Die neue Dienerin staunte andächtig aus dem Turmfenster hinaus in die wirbelnden Wolken.

Niemals hätte sie es gewagt, den hoheitsvollen Alltag der Prinzessin mit Fragen zu stören ohne das Wissen darum, dass der verwunschene Turm in den nächsten tausend Jahren nur von Zauberern, Dämonen und Prinzen reinen Herzens betreten werden konnte - und dem gelegentlich wechselnden Personal, das sich bisher als nicht ganz so langlebig wie verfluchte Königstöchter erwiesen hatte.

Zeit für Fragen also war im Überfluss vorhanden. Zumindest für Ihre Hoheit, die gelangweilt die Fernbedienung in die Ecke gepfeffert hatte und heute bereits zum vierten Mal eine Massage von den perlenstaubgesprenkelten Füßen bis hoch zur Kopfhaut hinauf genoss.

»So ähnlich war es.« Die Prinzessin entließ ein flauschig violettes Wombat von ihrem Schoß und beobachtete, wie es sich beim Fluchtversuch in Windeseile durch die vergoldeten Bettdecken fraß. Dann warf sie den Vorhang aus honiggoldenem Haar zurück und sah auf, der neuen Dienerin direkt in die Augen.

»Nein. Eigentlich war das ganz anders. Wenn du es genau wissen willst ... mein Karussellpferd ist mit mir durchgebrannt. Ich hätte es mir denken können, wahrscheinlich hätte ich das. Die anderen Figuren auf dem Karussell waren klein, aus buntlackiertem Holz gedrechselt und mit kleinen roten Ledersätteln versehen. Nur dieses eine nicht, dies war ein schwarzer Hengst, ein königliches Ross. Ohne Sattel, ohne Zügel, mit stolz gebogenem Hals.«

Die Dienerin ließ vor Erstaunen fast die Seidenbürste fallen. »Ihr seid auf einen schwarzen Hengst gestiegen? Wissentlich?« Die Königstochter warf ihr einen ungeduldigen Blick zu und legte die schimmernde Woge ihrer Haare mit beiden Händen links über ihre Schulter, damit die neue Sklavin sich nun wieder dem zarten Nacken widmen konnte.

Die zärtlich knetenden Finger lockerten auch das Gespräch wieder auf und die Prinzessin fuhr fort: »Ich dachte doch, er sei aus Holz. Das war er auch. Wunderschön und wild anzuschauen, aber aus Ebenholz. Ich bin mir immer noch ganz sicher, das war er, als ich aufstieg. Aber als sich das Karussell zu drehen begann ... spürte ich starke Muskeln zwischen meinen Schenkeln.«

Sie verschwieg, dass diese Bewegungen allein genügt hatten, sich noch tiefer auf dem breiten Rücken zurechtzusetzen und ihren Beckenboden einem imaginären Sattelknauf entgegen zu schieben. Auch die Erinnerung an schwarze Augen und das seidenweiche Schnobern einer erstaunlich großen Samtnase aus nächster Nähe gehörte nur ihr allein und nicht in diesen Bericht.

»Seine Mähne schlug an meinen Fingern elektrische Funken, er riss sich los und galoppierte mit mir davon. So kam ich hierher. Nach ein paar Hundert Jahren wird der Volksmund dann wohl berichtet haben, es sei ein Drache gewesen. Das nehme ich zumindest an. Wer hätte denn auch geglaubt, dass ein Karussellpferd mit seinem Reiter durchgehen kann?«

Ihr neues Dienstmädchen war am Vortag selbst auf einem fliegenden Teppich zum Turm gebracht worden und hätte wohl schon deswegen die Geschichte nicht angezweifelt. Dennoch begann sie aufgeregt zu plappern: »Ihr seid also wirklich schon vierhundert und sieben Jahre hier oben? Fürchtet Ihr euch nicht des Nachts so nah an den Sternen? Und ist euch niemals langweilig? Und was ist aus dem stolzen schönen Hengst geworden? Und stimmt es, dass Ihr nur errettet werden könnt, wenn ein edler Prinz eure Jungfräulichkeit raubt?«

»Nur wenn ein edler Prinz meine Jungfräulichkeit noch rauben könnte.« bestätigte die Prinzessin und versteckte rasch ihr Lächeln hinter einem schimmernden Fächer. »Nein, ich fürchte die Nächte nicht, und mir ist auch nicht langweilig.«

Ein leises Echo ihres Lachens – es hörte sich wie ein Wiehern an – vermischte sich draußen in den Wolken vor dem Fenster mit dem Hufschlag eines großen schwarzen Pferdes.


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