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In unserem aktuellen Top-Thema »Internet total« verraten wir Ihnen die besten Tipps und Tricks für den souveränen Umgang mit dem Netz. Doch was ist mit den anderen, jenen virtuellen Mitbürgern, die nichts wissen und lernen, aber trotzdem alles haben und erleben wollen?

Guten Tag! Sie lesen nachweislich in diesem Moment ein Computer-Magazin und damit gehören Sie zu den mündigen Internet-Nutzern, die sich informieren und über die Anwendungen Bescheid wissen möchten, die von ihnen eingesetzt werden. Dieser Wissenshunger hat ungezählte Vorteile – und mindestens einen Nachteil. Denn wer sich mit PC-Programmen und Internet-Zugang auskennt, wird im Bekannten- und Verwandtenkreis als allgemein verfügbarer Experte empfohlen und fortan gerne als ehrenamtlicher Berater angesehen.

Gebraucht werden ist doch aber eine feine Sache und Hilfsbereitschaft eine der besten Charaktereigenschaften, finden Sie? Wenn Sie das wirklich meinen, haben Sie offensichtlich noch niemandem beim Kauf eines neuen Computers geholfen.


Die große Anschaffung

In 98,29 % aller Fälle wird Ihre Beratung eines Neueinsteigers beim Kauf eines Notebooks oder Desktop Computers nämlich ungefähr so ablaufen: Sie nehmen sich erst mal richtig viel Zeit. Zuerst muss schließlich geklärt werden, welcher Bedarf beim zukünftigen stolzen User überhaupt besteht und dann möchte man ja auch gerne gut und kompetent beraten und dabei helfen, ein preiswertes Gerät zu finden, das trotzdem gut ist und ausreichend Garantie mitbringt. Es gilt also den perfekten PC mit den richtigen Leistungsmerkmalen herauszusuchen und dabei auch noch verständlich zu erläutern, warum man welches Angebot vorschlägt.

Sie werden sich also vermutlich mit dem PC-Suchenden zusammensetzen, einige Male über frisch aufgefundene Prospekte und aktuelle Sonderangebote telefonieren und schließlich erfreut den ‘perfekten’ Computer finden, den Sie selbst sich auch kaufen würden, wenn Sie gerade einen brauchen würden.

Dann passiert unweigerlich folgendes: Die beratene Person kauft sich spontan und ohne Umschweife das erstbeste wahllos zusammengestoppelte PC-Supersonderangebot eines Lebensmittel-Discounters, denn die Verwandten von Bekannten der Nachbarn kennen einen, dessen Sohn hat eine Freundin, deren Bruder mit einem ähnlichen PC-Sonderangebot vor mehreren Jahren gute Erfahrungen beim Computerspielen gemacht hat.

Nicht nachvollziehbar und auch nicht zu ändern

Sie werden diese Entwicklung weder verstehen noch erklärt bekommen, denn selbstverständlich behalten die stolzen Käufer sich jedes Recht auf die eigene Entscheidung vor – je beratener, desto mehr sogar.

Beratungsresistenz kann man das schon nicht mehr nennen, eher den Ricochet-Effekt - Ricochet ist das französische Wort für Abprall, und es klingt so herrlich fachchinesisch. Die Erfahrung des Beratungsabpralls lässt sich beliebig wiederholen, wenn es um Fragen zu Hardware, DSL-Zugängen, Software und Mobil-Technologie geht.

Man kann sogar fest davon ausgehen, dass eine nach Tarifen fragende und entsprechend beratene Person jeden anderen DSL-Internetprovider als den aufgrund seiner Features empfohlenen aussucht, weil immer irgendwo ein Kumpel vorhanden ist, der den entsprechenden abweichenden Tipp mal eben lässig ins Gespräch wirft.

Außerdem wird der Antiberatungseffekt noch verstärkt auftreten, wenn ein Mitglied der eigenen Verwandtschaft um Hilfestellung gebeten hat, denn dann wiegt die Meinung eines x-beliebigen männlichen Teenagers im Umkreis von 500 Metern schwerer als jedes Wissen, dass man sich in mehreren Jahren intensiver PC-Nutzung angeeignet haben könnte.

Generation Internet: Das Wunder des Y-Chromosoms

Sowieso kann kein Fachhandelsberatungsgespräch mit den Äußerungen eines solchen Wunderknaben mithalten, dessen stolze Eltern davon ausgehen, dass der Nachwuchs so viel besser Bescheid weiß, weil er sich überhaupt mit irgendwas am PC auskennt. Aus Funk und amerikanischem Fernsehen kennen wir sie ja, die genialen kleinen Hacker, die sich ihre Abituraufgaben aus gesicherten Computersystemen holen und im Internet in Zehntelsekunden auch Informationen finden, die es dort eigentlich gar nicht gibt.

Die Realität sieht eher so aus, dass viele Teenager in der Schule den Umgang mit Personal Computern erlernen, um fortan 23 Stunden am Tag hirnloses Zeugs zu chatten und Tausende von SMS zu senden oder sich Klingeltöne und geklaute Musik herunter zu laden, wenn es ihnen niemand verbietet oder Ihnen die Ration auf unter 8 Stunden Internet am Tag begrenzt. Kein Mensch würde eine Versicherung bei ihnen kaufen oder sie alleine auf ein Haus oder auch nur ein eingeschaltetes Handy aufpassen lassen, aber die Entscheidung für einen Computer, den man dann jahrelang täglich benutzt … bei dieser Investition räumt man den Knaben wuchtiges Mitspracherecht ein und so mancher Haushalt wird auf diesem Umweg über ein ‘Computer-Kid’ um einen monströs teuren und enorm leistungsfähigen Computer bereichert, wo es für den Einstieg wirklich eher ein Sonderangebot aus dem Lebensmittelladen getan hätte.

Ebenso werden auf diesem Weg viele Familien mit einer DSL-Flatrate versehen, die dem Nachwuchs die größtmögliche Download-Freiheit 24/7gewährt, obwohl vom tatsächlichen Bedarf der haushaltsinternen Entscheidungsträger her so ziemlich jeder andere Tarif günstiger wäre.

Ohne Rücksicht auf eventuelle Verluste

Ihnen kann das aber egal sein, denn wenn Sie schlau sind, haben Sie sich aus dem Beratergeschäft verabschiedet, als Ihre Kauf- oder Tarifempfehlung in den Wind geschlagen wurde. Oder möchten Sie Ihre Bekannten nun lebenslang bei Hardware-Problemen betreuen, die ein Fachhändler jederzeit, der Lebensmittel-Discounter aber überhaupt nicht lösen kann? Wer seine Computer so beratungsresistent kauft, der surft auch ähnlich. Und das ist nicht schön. 

Wenn Sie das nicht glauben, könnten Sie ja einfach mal drei Monate warten und dann diesem jetzt zweifellos pc-souveränen Bekannten e-mailen, dass Sie die Vermutung hätten, einen Virus von ihm oder ihr erhalten zu haben. Einfach so, ins Blaue hinein. Bis zu 800 Viren, Würmer und merkwürdige Dateien auf einen Schlag sind schon aufgetaucht bei solch kleinen unschuldigen Gemeinheiten, wenn dann vom Aufgeschreckten endlich ein aktueller Viren-Scanner installiert oder der vorhandene aktualisiert wurde - und zwar unweigerlich obwohl auf dem betroffenen PC angeblich nicht die geringsten Probleme bemerkt wurden.
Doch selbst wenn keine infizierten Dateien auftauchen, Sie können Ihren Lieblings-DAUs (DAU  dümmster anzunehmender User) eigentlich sowieso einen Gefallen tun, wenn Sie deren Aufmerksamkeit auf den Einsatz von stets aktueller Antiviren-Software lenken. Sich selbst auch. Schließlich werden Sie jede lustige Powerpoint-Präsentation, jedes interaktive Gimmick und viele merkwürdige HTML-Mails weitergeleitet bekommen, wenn ihre Bekannten die lustigen Seiten des Internets für sich entdecken.

Erwartungshaltung auf den ersten Klick

Wahrscheinlich wurden viele Ihrer Bekannten durch die Versprechungen ins Netz gelockt, dass man dort alles kostenlos bekommen kann und klicken sich nun quer durch alles, was sich finden lässt. Im Internet findet man eben alles »umsonst«, auch immer die frischesten Viren.
Es gibt keinen Grund, warum Sie das ausbaden sollten. Bieten Sie auch keine Hilfe an. Tun Sie es einfach nicht.

Während Sie bei Ihrem Hilfsangebot nämlich daran denken, auf den Oberflächen von Word und dem Internet Explorer helfend einzugreifen und ähnliche harmlose und angemessene Einsteigerdinge … werden sich ihre Bekannten eher an sie wenden, weil sie durch wahllos zusammengeworfene Informationsschnipsel auf den Gedanken gekommen sind, die gesamten Dia-Negative von 5 Jahrzehnten als ein einziges animiertes Riesen-GIF auf eine möglichst kostenlose, möglichst werbefreie Homepage zu stellen oder großzügig angeboten haben, die 180-seitige Jubiläumszeitung des Schrebergartenvereins als interaktive Website mit vielen Portal-Funktionen und Mitgliederbereich zu erstellen. Schließlich hat man jetzt ja DSL, und damit geht alles ganz schnell. 

Mit einem pauschalen Hilfsangebot haben Sie dann den virtuellen Salat, denn nichts verbraucht mehr Speicher als das absolute Unverständnis eines frischgebackenen DAU mit nagelneuem PC, der nicht versteht, warum man mit dem Wunderding nun nicht auch zum Mond und zurück fliegen kann, und zwar »pronto«.

Nicht verzweifeln

Wenn Sie beim Lesen dieses Textes zusammengezuckt sind, weil Ihnen einiges bekannt vorkommt, dann sollten Sie nicht verzweifeln. Bedenken Sie immer: Es könnte schlimmer kommen. Wenn ein eingefleischter Macintosh oder Linux-Besessener einem DAU ein System aufschwatzt, bei dem dann nicht mal die Workshops im Internet Magazin das zum Helfen verdonnerte Umfeld entlasten können, zum Beispiel.

Außerdem hat das liebevolle Veräppeln von DAU’s online und offline eine lange Tradition. Newbies, die mit Volldampf in die Weiten des Webs aufbrechen und erwarten, dass ihnen dieses gnädig, gratis und dienstbereit zu Füßen liegt, obwohl sie (noch) keine Ahnung haben: Sind wir nicht alle schon mal ein bisschen DAU gewesen? Wenigstens ganz am Anfang?
Zweifellos, sonst hätten wir nicht so viel Spaß an den Witzen darüber.


Verlinkt:
Erläuterungen, die dabei helfen, sich wieder völlig DAU fühlen: Juristen erklären das Internet http://www.daufaq.de/index.php4?aktuellerubrik=Hyperlink
Gesammelte DAU-Vorfälle zum Schmunzeln und Lernen
http://www.daujones.com
Ein Klassiker, über den nur noch DAUs lachen können:
http://www.personal.uni-jena.de/~dps/dau.html
Um über den “DAU of the Month” lachen zu können, sollte man wohl PC-Techniker sein:
http://www.dau-alarm.de


Internet Magazin Ausgabe 11/05, http://www.internetmagazin.de


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