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Angst.

Es war einmal vor gar nicht langer Zeit ein kleiner Webdesigner, oder vielleicht war es auch eine große Webdesignerin, eine dünne Werbetexterin, ein dicker Software-Entwickler oder eine junge Suchmaschinenoptimiererin oder ein alter Grafiker, das ist nicht so ganz genau überliefert.

Es war also einmal ein kleiner Webdesigner aus der Stadt der Freiberufler, der gerade erst in einen hübschen Vorort gezogen war und sich über jeden Kunden freute, der es ihm ermöglichen würde, sein Häuschen zu finanzieren und dort wohnen zu bleiben. Gleich einer der ersten, die durch sein Eingangstor kamen, war ein von Schicksalsschlägen schwer gebeutelter und fast völlig verarmter Herr aus gutem Hause, der sehr dringend eine ungemein preiswerte Lösung für die Gestaltung seiner virtuellen Verkaufsräume benötigte und mit blumigen Worten ausmalte, wie diese seine Finanzsituation würden retten können. Der kleine Webdesigner gab sich bei der Beratung sehr viel Mühe und die schlimmen Schicksalsschläge rührten sein Herz. Schließlich gewährte er gutmütig noch einen ordentlichen Rabatt auf den zu niedrigen Preis mit obendrauf reichlichem Nachlass.

Der Kunde stieg zufrieden in sein großes Auto mit dem Stern am Kühler und fuhr auf den Golfplatz, und da der kleine Webdesigner das nicht wusste, waren beide glücklich mit der gefundenen Lösung. Der eine, weil er gleichzeitig arbeiten und helfen konnte und der andere, weil er sehr schlau und erfahren war und eine enorme Menge Geld gespart hatte.

Der kleine Webdesigner gestaltete den Shop des Kunden und musste im Verlaufe der sich mühselig gestaltenden Absprachen schnell feststellen, dass dieser Herr eine gewaltig angeschwollene Erwartungshaltung mit sich führte. So wie der Preis eigentlich viel zu niedrig war (die Schicksalsschläge!), so waren die Ansprüche des Kunden zu hoch und er hatte sich offensichtlich eine lebensbegleitende Betreuung aller Computerprobleme in seinem Umfeld von diesem Auftrag versprochen. Er fragte dies, er fragte das, er fragte jenes und solches und überhaupt und eigentlich und so weiter, und so fort. Der kleine Webdesigner hätte lieber verdrängt, dass er sich zu solch niedrigen Preisen hatte breitschlagen lassen, den Auftrag hinter sich gebracht und dabei die Lektion mitgenommen, dass man keinen Rabatt auf langfristige Folterung gewährt, sondern diese vorsorglich aus dem Vertrag ausschließt oder nur gegen Vereinbarung von Schmerzensgeld aufnimmt.

Da er dies aber versäumt hatte, zog der kleine Webdesigner bei jeder fragenden Nachricht des Kunden eine Kerbe in die Schreibtischplatte seines Arbeitsplatzes. Wenn die Kerbenzahl dreistellig würde, wollte er neu verhandeln. Es war nämlich gar nicht so einfach, dem Kunden zu sagen, dass es so nicht gehen würde, dieser überschlug sich in lauter Freundlichkeit und kleinen Komplimenten und lobpreiste den kleinen Webdesigner allüberall, so dass dieser sich schlecht fühlte bei dem Gedanken daran, ihn zurückzuweisen und gehemmt war, sich abzugrenzen. Jahrzehntelange Erfahrung im eiskalten, doch getarnten Schachern traf hier auf mangelnde Erfahrung und der kleine Webdesigner wusste das wohl, aber ihm war zunächst noch hilflos zumute. So zahlte der Kunde in süßen Worten und großen Sprüchen und fuhr dann golfen und der kleine Webdesigner ärgerte sich ein bisschen, denn er hatte zufällig einen Blick auf das Auto mit dem Stern und dem E werfen können und ihm schwante allmählich, dass der Kunde und er unter „schweren Schicksalsschlägen“ unterschiedliche Dinge verstanden.

Dann geschah etwas Erstaunliches: Der Kunde meldete sich und bat darum, einen Werkvertrag zu erhalten – er könne nicht davon ausgehen, dass der kleine Webdesigner die vielen Fragen kostenlos beantworte und würde das gerne vernünftig so regeln, dass es für beide eine Freude sei.

Der kleine Webdesigner war mehr als erfreut, fühlte sich endlich geschätzt und gewürdigt und war so verblüfft, dass er sich wieder auf einen zu niedrigen Stundenlohn für seine Arbeit einließ, das geschah einfach, er wusste selbst nicht wie, vermutlich Überzuckerung und eine entsprechende Reaktion. Aber da er vorher vier bis fünf Fragen pro Woche unentgeltlich beantwortet hatte, kam ihm das trotzdem wie die bessere Lösung vor. Ein oder zwei Wochen lang war dann auch alles gut und es kamen kaum Nachrichten, die es abzuarbeiten galt. Der kleine Webdesigner freute sich, weil er doch nicht so schlimm ausgenutzt wurde wie anfangs gedacht und arbeitete erfolgreich an Aufträgen, von denen er auch wirklich profitierte.

An einem Montag dann begann der Kunde mit unaufhörlichen Fragen zu allen Themen, die jemals einen Computer auch nur seitlich berührt hatten. Der kleine Webdesigner warf einen Blick auf die getroffene Vereinbarung und wusste nicht mehr, was los war. Er antwortete, es war ja vereinbart, aber er ärgerte sich auch und als Tag um Tag die Fragen über ihn hereinprasselten, forschte er nach und stellte dann fest, dass der Kunde seine langjährige Sekretärin aus „Kostengründen“ entlassen hatte und nun offensichtlich alle anfallenden Fragen dem kleinen Webdesigner stellen wollte. Gegen richtig wenig Geld, wie vereinbart. Der kleine Webdesigner schäumte vor Wut. Er war Webdesigner, nicht Empfangsdame, Viren-Kammerjäger, Netzwerkadministrator und Übersetzer!

Fast schlimmer noch war allerdings, dass sich der Kunde an jedem Wochenende genau in der freien Zeit des kleinen Webdesigners hinsetzte und ihm eine Liste mit Fragen schrieb, garniert mit einer verlogenen Mitteilung, das habe natürlich Zeit bis zum Wochenbeginn. Als würde der kleine Webdesigner so eine Erlaubnis von einem Kunden benötigen! Er teilte sich seine Zeit selbst ein und versuchte die Mails zu ignorieren, aber die Nachrichten lagen wie Steine in seinem Magen. Wie süßlich schleimiges Gift waren diese steig wiederkehrenden Mails, um deren Unterlassung in seiner Freizeit der kleine Webdesigner schon oft gebeten hatte, und sie begleiteten ihn in jeden Urlaub, an jedem Feiertag und unerbittlich jeden Sonntag. Dass es Fragen waren, die er gar nicht bearbeiten wollte, konnte oder musste, kam noch hinzu.

Wenn er ehrlich war, dann verletzte ihn vor allem die Rücksichtslosigkeit, mit dem der Kunde seinen Bedürfnisse so konsequent zugunsten der eigenen Launen ignorierte. Es war naiv von ihm gewesen, für den enormen Preisnachlass eine freundschaftliche Kundenbeziehung zu erwarten, denn die künstliche Süße und Freundlichkeit lagen zwar über jeder Kommunikation, aber im Grunde genommen forderte der Kunde nur und forderte und forderte, ohne sich je auf den kleinen Webdesigner einzustellen oder auch nur darauf Rücksicht zu nehmen, dass dieser einmal abschalten wollte zwischendurch. Der kleine Webdesigner nahm seine Naivität und packte sie in eine Schachtel, die er nie wieder öffnete.

Der kleine Webdesigner setzte sich dann hin und schrieb dem Kunden eine Liste von Dingen, die zu seinem Aufgabengebiet gehörten und erklärte, dass er alles andere nicht übernehmen würde und während des Wochenendes nicht zur Verfügung stünde und dann auch nicht angesprochen oder angerufen werden wollte.

Der Kunde ignorierte das und fragte weiterhin alles, was ihm in den Sinn kam und der kleine Webdesigner wiederholte brav und stumpf, was in seinen Aufgabenbereich fallen würde und was nicht. Auffällig war immer wieder die anhaltende süßliche Freundlichkeit des Kunden, der natürlich wusste, dass er selbst bei einem widerstrebenden und unglücklichen Webdesigner ein Vermögen sparen würde, solange er sich irgendwie durchsetzte und den kleinen Webdesigner machte das alles sehr unfroh, denn eine Abgrenzung fiel ihm schwer, musste aber sein.

Schließlich verkündete der Kunde wieder einmal bei den völlig falschen Fragen, das sei doch alles kein Problem, er würde doch zahlen, auch für die anderen Themen – und dem kleinen Webdesigner platzte der Kragen weg und er implodierte, weil er seit Wochen erklärt hatte, dass es ihm nicht ums (sowieso viel zu niedrig dosierte) Geld ging, sondern um Abgrenzung seines Aufgabengebietes. Der Zauber, mit dem der Kunde den kleinen Webdesigner in einem dummen kleinen Dukatenesel hatte verwandeln wollen, bröckelte an den Ecken ab und zerbröselte dann ganz und gar.

Hier könnte die Geschichte enden, denn der kleine Webdesigner fand überraschenderweise jemanden (weniger naiv), der diesen Kunden weiterbetreuen wollte trotz aller eindrücklichen Warnungen und hätte fortan friedlich bis ans Ende seiner Tage arbeiten können, ohne diesen Fehler zu wiederholen.

Der Kunde aber zog einen Magier zu Rate und wählte fortan andere Verkleidungen, um den kleinen Webdesigner wieder einzufangen. Was einmal geklappt hatte, musste doch wieder gelingen: Schicksalsschläge oder finanzielle Probleme, Mitleid erzeugen, einen viel zu niedrigen Preis ergattern und dann schröpfen, schröpfen und schröpfen, als hätte man den echten Wert gezahlt! Ein guter Plan, wenn er gelang, für fast alle Beteiligten außer demjenigen, der die Arbeit leisten musste.

Der kleine Webdesigner war jedoch auf der Hut und je öfter der Kunde wiederkehrte, desto besser wurde er darin, ihn zu erkennen unter der Freundlichkeit, die ihn gefügig machen sollte. Ab und zu erlitt er einen Rückschlag und ließ sich beschwatzen, aber nie mehr so schlimm wie damals, als er neu in der Stadt war. Als eines Tages der Kunde in wieder einer neuen Verkleidung an seine Tür klopfte und ihm bereits zur Begrüßung huldigte und von seiner prekären Finanzlage sprach, erklärte der kleine Webdesigner, dass er ein Geschäft habe, von dem er leben müsse und wer kein Geld habe, könne darin auch nichts kaufen.

Mit Betrübung zog der Kunde von dannen und dem gebeugten Rücken konnte man ansehen, dass er es unter Schicksalsschlag verbuchte. Zweifellos würde er zurückkehren und jedes Gespräch damit eröffnen, dass er kaum Geld habe, aber trotzdem einen Auftrag erteilen wolle. Der kleine Webdesigner hätte sich vielleicht ein bisschen schlecht gefühlt, weil es immer wieder schwierig war, jemanden zurückzuweisen und mit erfahrenen Zockern um normale Preise zu verhandeln, aber das ließ er nicht zu. Statt dessen druckte er sich ein prachtvolles Schild aus, auf dem stand: »Wer erst feilscht und dann klammert, kann nie meine Zielgruppe sein!!!« Mit drei Ausrufungszeichen.

Dann ging es ihm besser.

(Das alles ist schon lange her, und bevor es sich zum fünfthundertsten Mal jährt, muss es in eine Schachtel und der Deckel zu, damit es nie wieder herauskriechen kann.)


Frauen und andere Katzen
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